Der Krieg ist vorbei. Es herrscht Anarchie. Und die
Lage ist explosiv.
Der Fall von Baghdad
Nach unerwartet harten wochenlangen Kämpfen im Süden
kam der plötzliche Fall von Baghdad am 9.4.2003 ebenso unerwartet. Was war
geschehen?
Die folgende Schilderung geben unmittelbar Beteiligte,
die tendenziell zutreffen dürfte, auch wenn die Details gegenwärtig noch nicht
ausrecherchiert werden können.
Nachdem die US-Armee den Flughafen schnell besetzen
konnte ? auch unter Verwendung von Waffen, die die Maschinengewehre der Iraker
zum Schmelzen brachten und von den Gefallenen nur Knochen ohne Fleisch übrig
ließen ? begann der Vormarsch in die Stadt. Noch bei meiner Einreise am 25.4.
waren auf der Einfallstraße dutzende von ausgebrannten normalen Zivilfahrzeugen
zu sehen, die im Weg gewesen waren und eliminiert wurden, wobei die zivilen
Wageninsassen, auch viele Frauen und Kinder, zu Tode kamen. Ich habe ca. 400
m von dieser Straße entfernt auch Streubombeneinschläge an einem Privathaus
gesehen.
Es folgten erbitterte Straßenkämpfe in einigen Teilen
von Baghdad. Saddam Hussein rief am 6. oder 7.4. in der Umm-al-Tabul-Moschee
militärische Kommandeure zusammen. Er war sehr erzürnt, weil die Truppen im
Süden zähen Widerstand geleistet hatten, der Flugplatz hingegen nicht gehalten
worden war. Er befahl eine sofortige Gegenoffensive. Als diese Kommandeure
auf dem Weg in das Flughafengebiet waren, wurden sie durch einen amerikanischen
Angriff getötet.
Von der Sinnlosigkeit des militärischen Widerstands
überzeugt, wollten hohe Kommandeure die Kapitulation, um die völlige Zerstörung
von Baghdad zu verhindern. Ob es Geheimabsprachen mit den Amerikanern gab,
konnte oder wollte kein Informant benennen. General Saif Ad-Din Ar-Rawi gab
am 8.4. den Befehl, den Widerstand aufzugeben. Daraufhin schickte Saddam Hussein
seinen Cousin, der in erschoß. Die Meuterei war jedoch nicht mehr aufzuhalten.
Am Abend wurde in ganz Baghdad der Strom abgestellt, und im Dunkeln setzten
sich die führenden Kommandeure ab. Als am Mittwochmorgen Einheiten der Republikanischen
Garden, aber auch Regierungsmitglieder, die Ordnungskräfte der Baath-Partei,
Polizisten usw. feststellten, daß ihre Führer verschwunden waren, entfernten
sie sich vom Dienst. Widerstand wurde nur noch in einigen Stadtgebieten geleistet,
und Baghdad konnte von den Amerikanern schnell eingenommen werden.
Anarchie
Seitdem herrscht in Baghdad allgemeine Anarchie.
Eine 5-Millionen-Stadt lebt ohne Regierung, Polizei, Justiz, ohne Ampeln,
Gehälter, Büros.
Jeder ist bis zu den Zähnen bewaffnet, Schießereien
sind in ganz Baghdad rund um die Uhr zu hören, vor allem nachts. Dabei sind
Kampfhandlungen vergleichsweise selten, man schießt zur Warnung, aus Angst
oder auch aus Freude, wenn in einem Viertel überraschend der Strom kommt für
maximal zwei Stunden am Tag.
Es kann aber auch überall schnell gefährlich werden.
Im Viertel, das in der Innenstadt direkt hinter dem Iraq Museum liegt, tobten
am 1.5. den ganzen Abend lang heftige Kämpfe. Dabei wurde eine Tankstelle
getroffen, deren Explosion mehrere Menschen tötete. Als ich mich am nächsten
Morgen einige Stunden am Museum aufhielt, waren die Schießereien wieder in
vollem Gange. Ein Anwohner kam zu den amerikanischen Posten am Museum und
teilte mit, daß es wieder einen Toten und mehrere Verletzte gegeben habe.
Der lakonische Kommentar der Soldaten lautete: ?Nice neighbours!? Eine Intervention
fand jedoch nicht statt.
Ab 23 Uhr herrscht Ausgangsperre, die Stadt ist gespenstisch
dunkel. Sicherheit ist die zentrale, pausenlos wiederholte Sorge der Bevölkerung.
Die Menschen äußern Befürchtungen wie diese eines Dekans der Universität Baghdad:
?Ich habe Angst, an die Uni zu gehen, solange es
keine Regierung gibt. Ein Student, den ich bestraft oder schlecht benotet
habe, könnte kommen und mich niederschießen. Niemand kümmert sich darum. Es
gibt keinen Schutz, keine Verfolgung, keine Bestrafung.?
Alle früheren Angestellten der Regierung ? die Hunderttausende
Lehrer, Ärzte, Professoren, Beamten der Behörden usw. ? klagen heftig darüber,
daß sie seit fast zwei Monaten keine Gehälter bekommen haben. Viele Leute,
die keine finanziellen Reserven haben, wissen nicht, wovon sie Nahrung kaufen
sollen.
Die Beschaffungskriminalität grassiert infolgedessen.
Diebstahl, Raubüberfälle, auch Raubmorde sind an der Tagesordnung. Mir wurden
viele Fälle berichtet, daß Räuber am hellichten Tag auf offener Straße unter
Bedrohung durch Waffen Autofahrer gezwungen haben, das Fahrzeug abzugeben.
Wer bislang noch keine Waffe hatte, besorgt sie sich jetzt. Aus den geplünderten
Armeebeständen sind so viele (auch schwere) Waffen zu günstigen Preisen auf
dem Markt erhältlich, daß man damit eine kleine Armee ausrüsten könnte.
Die Mittel- und Oberschicht hat Angst um ihr Leben
und bleibt möglichst zu Hause und wartet ab. Die Angehörigen der repressiven
Sicherheitsdienste und viele aktive Mitglieder der Baath-Partei sind untergetaucht
? bei Verwandten, in Zweitwohnungen, auf dem Land.
Noch werden Plünderungen von Privathäusern nur vereinzelt
berichtet (z. B. in Vierteln, wo die Fensterscheiben der Häuser im Krieg zerborsten
sind), und auch die Femejustiz ist bislang selten. Sie wird aber allgemein
befürchtet oder auch erwartet, denn es sind aus der Zeit der Diktatur viele
Rechnungen offen geblieben, weil vielen Menschen großer persönlicher Schaden
durch die Mächtigen zugefügt wurde. Wenn sich wieder Machtstrukturen herausbilden
und die früheren Cliquen wieder auftauchen und Positionen zu besetzen suchen,
ist eine Endemie von Lynchmorden möglich, so wie auch die Revolutionen der
Vergangenheit mit einem Blutbad der persönlichen Abrechnungen verbunden waren.
Selbst einen Bürgerkrieg zwischen den alten Netzwerken, die noch keineswegs
alle zerschlagen sind, den jetzt an die Macht strebenden neuen Gruppen und
Selbstjustiz suchenden Bürgern hält jeder Iraker für denkbar.
Die Traumatisierung der Bevölkerung begegnet dem
Besucher überall. Vor allem die Kinder haben schwere psychische Schäden erlitten;
der Terror des Dauerbombardements (?Shock and awe?) hat ihre Seelen getroffen
? sie erschrecken vor zuschlagenden Türen, zittern bei überfliegenden Hubschraubern
und suchen ständigen Schutz. Erwachsene aus der Innenstadt erzählen, daß sie
drei Wochen lang kaum die Sonne gesehen haben ? einerseits wegen der zur Irritation
des Feindes angezündeten Gräben, die mit Öl gefüllt waren, andererseits wegen
der langen Brände getroffener Gebäude. In mehreren Stadtteilen wurde mir von
Blutbädern unter der Zivilbevölkerung berichtet, die sich zufällig in der
Nähe von bekämpften militärischen Verbänden befanden (?Kollateralschäden?).
Es gibt aber auch Lichtblicke. Die Bürgerhilfe lebt
auf und ist erstaunlich erfolgreich. Viele Viertel haben zum Schutz eine Bürgerwehr
gebildet, normale Menschen regeln mit selbstgebastelten Schildern den Verkehr.
Die Menschen helfen sich untereinander mit Lebensmitteln und dem Nötigsten
aus, räumen ohne Gehälter ihre verwüsteten Dienststellen auf. Die Iraker sind
Improvisationskünstler.
Systematische organisierte Plünderung und Brandschatzung
Besonders geschockt sind die Iraker vom Wandalismus,
mit dem Infrastruktur und Kultur zerstört wurden. Die Berichte zahlreicher,
unabhängiger Zeugen gleichen sich derartig im Detail, daß sie einen realen
Kern haben müssen. Zumindest spricht folgende Beschreibung der allgemeinen
Überzeugung, die in Zukunft das Verhältnis der Bevölkerung zur ?Koalition
der Willigen? beeinflussen wird.
1. Die Plünderungen waren systematisch
In einem Stadtteil nach dem anderen wurden die Einrichtungen
des alten Staates vollständig ausgeraubt ? selbst fest installierte Anlagen
wurden einschließlich der Steckdosen abmontiert ? und was sich nicht zu plündern
lohnte, wurde zerschlagen, umgestoßen, auf dem Boden zerstreut usw. Betroffen
sind unter anderem:
- alle Ministerien und State Departments bis auf
das Ölministerium,
- die 15 Universitäten des Landes (mit Ausnahme des
Campus der Universität Baghdad, wo die Amerikaner Quartier aufgeschlagen haben),
- die Museen (darunter das weltberühmte Iraq Museum),
Bibliotheken, Archive, Kunst- und Kulturzentren,
- Krankenhäuser, staatliche Warenlager, Banken,
- Paläste und Wohnhäuser der führenden Vertreter
des Regimes,
- Hotels (z. B. Rasheed, Melia Mansour, Babil),
- einzelne andere Einrichtungen wie die deutsche
Botschaft, das französische Kulturinstitut, die Residenz des chinesischen
Botschafters, einige Gebäude von UNO-Einrichtungen.
Die Plünderungen sind noch immer nicht gestoppt,
auch Anfang Mai waren sie den ganzen Tag über an vielen verschiedenen Stellen
anzutreffen.
2. Die Plünderungen waren angestiftet oder toleriert
Viele Gesprächspartner berichten von verzweifelten
Versuchen, Soldaten zum Einschreiten zu bewegen ? ohne Erfolg. Selbst Interventionen
bei der Kommandantur im Palestine-Hotel (z.B. durch UNO-Mitarbeiter zum Schutz
ihrer Gebäude) blieben unerhört. Im Gegenteil: Die Plünderer fühlten sich
sicher, sie trugen strahlend vor laufender Kamera die Sachen aus den Gebäuden
und hörten erst auf, als alles ausgeraubt war. Es plünderten einfache Leute
aus den Armenvierteln, aber ? zumindest in einigen Gegenden ? viele normale
und auch gut gestellte Bewohner aus der Nachbarschaft. Die Menschen stahlen
aus Armut, Wut, Rache, Gier. Das Beutegut wurde oft noch am selben Tag auf
der Straße verkauft ? manchmal zu Spottpreisen, etwa eine Klimaanlage für
umgerechnet 5 Euro.
Das überraschendste Detail bei den Schilderungen
war der Umstand, daß die amerikanischen Soldaten erst die Plünderungen ermöglichten,
indem sie die oft sehr gut gesicherten Tore aufbrachen oder aufschossen und
dann die Umstehenden aufforderten zu plündern: ?Go in, Ali Baba, its yours!?
Diesen Standardsatz haben Augenzeugen wiederholt gehört, ?Ali Baba? ist unter
den Amerikanern zum Inbegriff für plündernde Iraker geworden. Regelmäßig wird
auch von Kuweitis berichtet, die die Truppen als Übersetzer und Führer begleiten
und zum Plündern einluden. Ein Zeuge erzählte, wie die Soldaten lachend auf
ihren Panzern saßen und zuschauten.
Solche zuverlässigen Darstellungen wurden mir von
einem Nachbarn und einer unabhängigen Zeugin von der Zerstörung der deutschen
Botschaft mitgeteilt: Nachdem ein amerikanisches Militärfahrzeug das Tor aufgebrochen
hatte, wurden die Umstehenden zur Plünderung aufgefordert.
Mit Gewißheit zuerst bedient haben sich die Amerikaner
an der University of Technology, wo sie in die Gebäude eindrangen, die Computer
öffneten und die Festplatten an sich nahmen, bevor sich die Plünderer ans
Werk machten. Dies berichtete ein Mitarbeiter des UN Development Programme.
Ob in allen Fällen dieses System von Anstiftung oder
Tolerierung wirksam war oder nur in Einzelfällen, kann noch nicht beantwortet
werden. Die immer ähnlich lautenden selbständigen Berichte sind allerdings
überall zu hören.
3. Die Brandschatzung war unabhängig und sekundär
Die Plünderer haben geraubt und zerstört, aber nicht
verbrannt. Nach ihnen kamen Brandschatzer, die systematisch ein ausgeraubtes
Gebäude nach dem anderen mit Benzin (und zumindest teilweise auch mit brennbaren
Chemikalien) in Brand setzten. Der zeitliche Abstand betrug manchmal mehrere
Tage. Von der Brandschatzung blieb nicht viel verschont (darunter glücklicherweise
das Iraq Museum), es wurden aber auch Gebäudeteile verbrannt, die nicht geplündert
worden waren (z. B. die Finanzbuchhaltung einer UNO-Einrichtung). Opfer der
Flammen wurden vor allem Papiere, Dokumente und Gebäude, von denen mehrere
nach tagelangen Bränden zusammenbrachen.
Die Folge: Es sind praktisch alle Unterlagen des
alten Staates vernichtet, die gesamte Administration fängt bei Null an. So
gibt es für Baghdad kein Grundbuch mehr, und damit ist kein Eigentumsnachweis
mehr möglich. Dieser Umstand wird bereits jetzt von Milizen genutzt, um Bewohner
aus gut gelegenen Anwesen zu vertreiben und diese dann für Büros und Stützpunkte
zu nutzen. ? Eine Gruppe von 20 schwerstverletzten Kindern, für die in Europa
bereits Behandlungsplätze vorbereitet waren, konnte nicht ausreisen, weil
niemand Reisedokumente ausstellen kann. Einige sind inzwischen gestorben,
andere konnten in Saudi-Arabien behandelt werden.
Während die ungenierten Plünderungen von vielen Menschen
beobachtet wurden, die zahlreiche Details benennen können, sind zur Identifizierung
des relativ kleinen Kreises der Brandschatzer nur sehr vage Angaben erhältlich:
?Geraubt haben die Iraker, verbrannt haben andere.?
Über die Gründe für diesen systematischen Wandalismus
wird viel spekuliert. Gebildete Iraker nennen folgende Gesichtspunkte:
- Die Aggressionen wurden gezielt umgelenkt ? statt
gegen die Besatzer sollten sie sich gegen die Institutionen des alten Regimes
richten.
- Der Wiederaufbau ist sehr lukrativ, wenn die gesamte
Infrastruktur des Staates zerstört ist, aber nur ein kleines Geschäft, wenn
noch fast alles einigermaßen funktioniert.
- Die Verwirrung in der Bevölkerung ermöglicht eine
leichtere Kontrolle, da jedermann mit dem Überleben beschäftigt ist; auch
eine von außen implantierte Regierung wird leichter akzeptiert. ?Wenn ich
dir den Tod zeige, akzeptierst da das Fieber.? (irakisches Sprichwort)
- Vertuschen eigener Taten, denn in nicht wenigen
Fällen waren die Besatzer die ersten, die in Gebäude eindrangen und Objekte
entfernten.
- Den Kuweitis soll Gelegenheit zur Rache gegeben
werden; dort hatten die Iraker während der Besatzung 1990/91 ebenfalls systematisch
geplündert (aber nicht gebrandschatzt).
- Denkzettel für Deutschland, Frankreich, die UNO
und andere: es gehört sich nicht, unbotmäßig zu sein.
- Publicity Show für das amerikanische Publikum ?
die Botschaft lautet: ?Die bösen Iraker zerstören alles, und wir guten Amerikaner
müssen das wieder aufbauen.? Die ersten Brände wurden gegenüber dem Journalistenhotel
Palestine gelegt und waren sehr fotogen.
Viele gebildete Iraker äußern sich schockiert über
ihre wandalisierenden Landsleute und geben als Erklärung an, daß sich die
Mächtigen des vergangenen Regimes schonungslos bereichert hätten, mit dem
exerzierten Recht des Stärkeren ein schlimmes Beispiel gegeben und den Volkscharakter
verdorben hätten. Sie sagen aber auch: Nach 35 Jahren harter Diktatur war
die irakische Bevölkerung leicht einzuschüchtern, und ohne Ermutigung und
Tolerierung wären die Plünderer nicht so sicher und hartnäckig gewesen: ?Eine
einzige Kugel hätte genügt, und alle wären verschwunden!?
Die Plünderung des Iraq Museums
Folgende Schilderung beruht auf den Berichten von
Mitarbeitern des Museums und Bewohnern der umgebenden Wohngebiete, die als
Augenzeugen die Vorgänge unmittelbar erlebt haben. Die meisten wollen anonym
bleiben, weil sie sich vor Repressionen fürchten und auch in Zukunft notgedrungen
mit den Amerikanern zusammenarbeiten müssen.
Am Dienstag, den 8.4., fanden heftige Kämpfe in unmittelbarer
Nähe des Museums statt, das im Stadtzentrum liegt und von strategisch wichtigen
Punkten umgeben ist. Die bewaffnete zivile Schutztruppe, die zur Sicherung
des Museums vor Überfällen aufgestellt war, verließ in Todesangst das Gelände,
das dann nach schweren Kampfhandlungen (?the museum was a real battle field?)
in die Hände der Amerikaner fiel. Am nächsten Tag rückten zwei Panzer an,
so ein befragter Museumsangestellter; amerikanische Soldaten brachen die Tür
des Hauptgebäudes auf und verweilten ca. zwei Stunden unter sich in den Ausstellungssälen.
Sie wurden dann gesehen, wie sie Gegenstände herausbrachten und fortschufen.
Um welche Objekte es sich dabei genau handelte, konnten die Beobachter nicht
identifizieren. Es ist nur sicher, daß sich die meisten großen und auffälligen
Exponate noch vor Ort befanden, weil deren Bergung schwieriger war, und daß
nur die kleinen Objekte aus den Vitrinen in die Magazine gebracht worden waren.
Die zufällig anwesenden Iraker wurden dann aufgefordert,
sich im Museum zu bedienen, wie ein Anwohner erzählte: ?This is your treasure,
get in!? Von Donnerstag bis Samstag, 10. bis 12.4., tobten die Plünderungen
völlig unbehindert. Die Plünderer fühlten sich sehr sicher, selbst vor laufender
Kamera brachten sie ungeniert die Objekte ins Freie und trugen sie davon ?
entsprechende Fernsehbilder gingen damals um die ganze Welt. Die wenigen an
ihren Platz zurückgekehrten Museumsmitarbeiter konnten sie nicht aufhalten,
sie versuchten aber mehrfach verzweifelt, in der Umgebung anwesende amerikanische
Truppen zum Schutz zu bewegen. Es erschienen nur ganz kurz einige Soldaten,
sahen sich die Vorgänge an und verschwanden wieder (?This is not our order.?).
Einige Augenzeugenberichte, die weitere Details mitteilen,
waren in einem Fernsehbeitrag des ZDF zu sehen (?Aspekte?, Freitag, 9.5.2003,
22.30 Uhr); der Wortlaut dieser Aussagen ist im Anhang wiedergegeben.
Nachdem die Plünderungen nicht hatten verhindert
werden können, hatten die Mitarbeiter allergrößte Sorge, daß die Brandschatzer
wie auch sonst ans Werk gehen und die unersetzbaren Dokumentationen, Grabungsunterlagen
und die Bibliothek mit Feuer vernichten würden. Zwei Direktoren des Antikendienstes
machten sich am Sonntag, den 13.4., zur Kommandozentrale der Amerikaner im
Palestine-Hotel auf, wurden nach vierstündiger Wartezeit vorgelassen und baten
dringlichst um Schutzmaßnahmen. Die Kommandantur versprach, sofort Panzer
und Soldaten zu schicken ? bis Dienstag geschah nichts. Daraufhin gelang es
einem Direktor, sich ein privates Satellitentelefon zu leihen und einen Kollegen
im British Museum zu erreichen. Der mobilisierte dann britische und amerikanische
Stellen, und schließlich fuhren Panzer auf, die seitdem das Museum bewachen.
Jetzt ist es das bestgeschützte Museum der Welt ?
seine Angestellten und sogar die Direktoren, die allesamt ohne Gehalt kommen
für die Aufräumarbeiten und die Aufnahme der Schäden, werden nur nach genauer
Identitätsüberprüfung und Gepäckkontrolle zugelassen (und sind darüber sehr
empört). ?Wir entscheiden, wer wann hineinkommt? sagte mir der wachhabende
Soldat am Eingang. In einem Seitentrakt werden die zurückgewonnenen Objekte
aufbewahrt. Als mich der Generaldirektor am 30.4. dort herumführte, war die
Zahl dieser Funde, die auf großen Tischen ausgebreitet waren, nicht viel größer
als 100 ? bewacht von etwa einem Dutzend Soldaten, die im selben Raum ihre
Feldbetten aufgeschlagen hatten.
Über den Umfang dessen, was geraubt wurde, läßt sich
bisher nur sagen, daß die Schäden unermeßlich sind. Mit Sicherheit sind einige
der bekanntesten Exponate des Museums, die sich noch in den Ausstellungssälen
befanden, verschwunden. Die Plünderer konnten ungestört auch die Magazine
aufbrechen, deren Bestände insgesamt über 170.000 Inventarnummern umfaßten,
und tagelang nach Belieben alles fortschaffen. Ein Generator sorgt erst seit
dem 29.4. wieder für Licht, und die Angestellten haben mit der Inventur begonnen,
die noch Wochen in Anspruch nehmen wird. Ein Totalverlust ist nicht eingetreten,
aber der größte Teil der Kollektionen dürfte geraubt sein. Die Bibliothek
blieb erhalten, ebenso viele Grabungsunterlagen und wohl auch die meisten
Inventarbücher. Der Wandalismus hat furchtbar gewütet, aber eine alles vernichtende
Feuersbrunst konnte verhindert werden.
Antiquitäten aus den Raubzügen werden verkauft und
sind besonders bei den vielen Journalisten begehrt, so daß sich bewaffnete
Banden auf der über 500 km langen Autobahn von Bagdad bis zur jordanischen
Grenze auf deren Fahrzeuge spezialisiert haben. Ein Überfallener berichtete
mir, daß die erste Frage der Banditen war, nachdem sie mit Maschinenpistolen
sein Auto gekapert hatten: ?Wo sind die Antiquitäten?? In einem Journalistenauto
wurden zwölf Kisten mit Antiquitäten gefunden!
Die allerwertvollsten Stücke ? darunter der berühmte
Goldfund aus den assyrischen Königinnengräber in Nimrud ? waren im Tresor
der Zentralbank aufbewahrt. Auch hier hatten Plünderer lange Zeit freie Hand,
inzwischen wird sie von Soldaten unzugänglich abgeschirmt. Selbst die Leitung
des Antikendienstes hatte noch am 2.5. keine Informationen, was von diesen
Schätzen erhalten geblieben ist und wo sie sich jetzt befinden.
Selbst seit die internationale Empörung über die
Kulturfrevel im Irak hochgeschlagen ist, wird die Verwüstung nach demselben
Muster immer noch toleriert. Unabhängig, aber übereinstimmend berichteten
eine europäische Kollegin und eine lokale Archäologin ihre Erlebnisse aus
Babylon, der vielleicht berühmtesten Stadt der Alten Welt, daß dort am Dienstag
letzter Woche, den 29.4., geplündert und gebrandschatzt wurde ? unter anderem
sind die Dokumentationen über die dortigen irakischen Grabungen verbrannt.
Wiederum gingen die Vertreter des Antikendienstes zu den amerikanischen Truppen,
die sich in dem auf einer Anhöhe errichteten Palast Saddam Husseins einquartiert
haben, und baten dringend um Schutz. Sie erhielten wieder die gleiche Antwort:
?This is not our order.?
Die Universitäten
Auch die 15 Universitäten des Irak sind vollständig
ausgeplündert und gebrandschatzt worden (mit Ausnahme des Campus der Universität
Bagdad in Dschadirija, wo die Amerikaner Quartier aufgeschlagen haben).
Von der Einrichtung der Mustansarija-Universität,
neben Bologna die älteste der Welt, ist absolut nichts mehr erhalten ? selbst
fest installierte Anlagen wurden einschließlich der Steckdosen abmontiert;
anschließend wurden die Gebäude abgebrannt. Im Campus der Geisteswissenschaftlichen
Fakultät der Universität Bagdad in Wazirija ist fast alles vernichtet; auch
das dortige Department of Archaeology ist zerstört, das als Pendant zum Iraq
Museum die Quellen aus der mehr als 5000jährigen Hochkultur aufarbeitet und
die Nachwuchskräfte für den Antikendienst des Landes ausbildet. Einige Gebäude
sind durch die Hitze der Brände zusammengebrochen.
Von der Bibliothek der Germanistischen Abteilung,
die in 50 Jahren mühsam aufgebaut wurde und über 15.000 Bände umfaßte, sind
nur noch im Brand zusammengesunkene Regale und zu kleinen Ascheklumpen zusammengebackene
Haufen übrig geblieben ? keine einzige Seite ist noch brauchbar.
Freiwillig ohne Gehalt haben sich inzwischen einige
Professoren und Studenten an die Aufräumarbeiten gemacht. Auch das ist schwierig,
wie ein Kollege klagte: Die Benzinvorräte Bagdads gehen zur Neige, eine Tankstelle
nach der anderen schließt, für eine Tankfüllung muß man 4-5 Stunden warten,
der Preis des noch erhältlichen Benzins hat sich verzehnfacht auf jetzt umgerechnet
über 50 Cent pro Liter; man kann sich die Fahrten in die Universität einfach
nicht mehr leisten. Einige Räume wurden provisorisch wieder eingerichtet,
und der Kollege hat aus eigener Tasche Vorhängeschlösser gekauft, damit ihre
Arbeit nicht wieder aufs Neue zunichte gemacht wird.
Am 17.5. sollen die Universitäten wieder ihre Arbeit
aufnehmen ? ohne Mobiliar, Bibliotheken, Papier, Verwaltungsunterlagen. Statt
Kollegheften und Computern sind jetzt Besen und Schaufel die wichtigsten Arbeitsinstrumente,
und die Lehrkräfte müssen aus dem Gedächtnis die Wissenschaft vermitteln.
Viele wollen dies den Studenten zuliebe tun, damit diese nicht ein ganzes
Jahr verlieren.
Großer Unmut in der Bevölkerung
So effektiv die militärstrategische Planung der Amerikaner
ist, so unvorbereitet und konzeptlos stehen sie vor den zivilen Problemen.
Sie hatten keinerlei Maßnahmen zur Versorgung der Bevölkerung vorbereitet,
gegen die Gesetzlosigkeit haben sie bislang nichts unternommen. Sie orientieren
sich nur sehr langsam, setzen heute einen verantwortlichen Direktor ein und
morgen wieder ab, eine funktionierende Regierung ist nicht in Sicht. Sie haben
keine Basis gebaut im Irak, und sie stoßen überall auf Probleme. Wie sehr
die Weitsicht bei der Okkupation fehlte, zeigt sich zum Beispiel darin, daß
jetzt mühsam Polizeikräfte aus verschiedenen Ländern rekrutiert werden müssen
und die Aktivierung von 20 lokalen Polizisten eine eigene Meldung wert ist.
Es geht aber auch anders, wenn es im Interesse der
Besatzer ist. Als einziges wurde das Ölministerium nicht geplündert und gebrandschatzt,
sondern von Anfang an geschützt. Inzwischen wurden die wichtigen Unterlagen
(etwa über die explorierten Öllagerstätten) konfisziert, die alten leitenden
Angestellten reorganisieren die Administration. Einige weitere Gebäude werden
inzwischen ebenfalls gesichert, darunter Krankenhäuser.
Oder bei der Eisenbahn, bei der die gesamte Einrichtung
und alle Lagerhallen vollständig geplündert wurden, selbst leere Container
wurden weggeschafft; es wurde allerdings nicht gebrandschatzt. Kürzlich erschien
ein britischer General, rief die Angestellten zusammen und ließ jedem 20 Dollar
Überbrückungsgeld auszahlen. Priorität soll jetzt der Ausbau der Linie Baghdad-Basra
bekommen.
Den Amerikanern fehlt weitgehend das Verständnis
für die irakische Mentalität, sie zeigen oft wenig Fingerspitzengefühl. Mir
wurde berichtet, daß eine Panzerbesatzung Halbwüchsige auf der Straße anhielt
und nach Mädchen fragte, für die sie 10 Dollar bot. In Ghasalija in Schordscha
wurde ein Bordell eingerichtet, vor dem Haus steht ein Schild mit der Aufschrift
?Nur für Amerikaner!? Solche Erlebnisse langen, um jeden Iraker zum Patrioten
zu machen, der sich gegen die ungeliebten Besatzer wendet.
Die allgemeine Stimmung in der Bevölkerung gegenüber
den Amerikanern ist sehr verhalten. Zwar äußern sich viele Iraker sehr dankbar
und zufrieden darüber, daß das Regime von Saddam Hussein verschwunden ist.
Die Amerikaner werden aber zunehmend für Anarchie und Mangel verantwortlich
gemacht, alle wollen, daß sie bald wieder gehen, und immer häufiger werden
die Stimmen, die sagen, daß es unter Saddam schlimm war, jetzt aber noch viel
schlimmer ist. Jedermann äußert die Überzeugung, daß die Iraker anfangen werden
zu kämpfen gegen die Besatzungsmacht, wenn die Lage nicht schnell besser wird
und sie sich nicht bald zurückzieht.
Der Aufbau einer neuen Ordnung und der Kampf um
die Macht
Die Bevölkerung befindet sich im Schockzustand. In
der Zeit von Anarchie und Umbruch warten die meisten ab, andere hingegen versuchen
um so intensiver, das Vakuum zu füllen. Prognosen über die weitere Entwicklung
sind nicht möglich. Es können nur die Kräfte benannt werden, die als Vektoren
im Kräftespiel eine Rolle spielen, und mögliche Szenarien benannt werden.
Über Saddam Hussein und sein Regime sind alle sehr
enttäuscht ? auch die pragmatischen früheren Parteigänger und diejenigen,
die keine Konflikte mit seiner Regierung hatten. Informationen, die vorher
nicht bekannt waren oder nur wenigen, werden jetzt überall verbreitet. Wut
löst die grenzenlose Bereicherungsmanie aus, während die Bevölkerung darbte.
In einigen Palästen (z. B. unter einem Hundekäfig oder hinter einer falschen
Wand) wurden Hunderte Millionen Dollar in bar aufgefunden. Kein einziger normaler
Iraker hatte jemals Zugang in seine herrlich ausgestatteten Palastanlagen
gehabt, während nach dem Sturz jetzt Plünderer und Schaulustige jedes Detail
begutachten konnten. Die Gefängnisse wurden geöffnet und die grausamen Haftbedingungen
bekannt, und über den Sadismus insbesondere von Saddams ältestem Sohn Udai
kursieren jetzt allerlei Einzelheiten.
Man registriert mit Verbitterung, daß Saddam Hussein
dem Land sehr geschadet hat, einen aussichtslosen Krieg nicht verhindert und
keine Maßnahmen zur Rettung der Bevölkerung getroffen hat. Auch über seine
Regierung hört man sehr viel Bitterkeit. Ein Arzt, der seit der Revolution
von 1968 von der Ideologie der Baath-Partei überzeugt war und der zu dem behandelnden
Ärzteteam gehörte, das noch am 7.4. zusammen mit Saddam in einem Gebäude übernachtete,
erzählte, daß die Krankenhäuser vor dem Krieg kein Material (etwa Narkose-mittel
oder Bruchschienen) zur Versorgung von Notfällen, wie sie im Krieg in großer
Anzahl zu erwarten sind, zugewiesen bekommen haben, und meinte, daß der dafür
zuständige frühere Gesundheitsminister ?als erster gehängt? werden müsse.
Es gilt als völlig unwahrscheinlich, daß Saddam wiederkommen
kann. Seine Netzwerke sind aber keineswegs völlig zerschlagen. Es heißt, daß
er sich jetzt unauffindbar verberge und die Entwicklungen beobachte, aber
noch sehr viel Unheil anrichten könne ? insbesondere, wenn der Unmut in der
Bevölkerung weiter anwächst über die Anarchie und den sich nur äußerst langsam
verbessernden Vorsorgungsnotstand.
Die irakische Auslandsopposition (der Irakische Nationalkongreß
INC), insbesondere die Fraktion von Ahmed Tschalabi, ist sehr aktiv. Sie bildet
Milizen, besetzt die besten Häuser und Gelände, aus denen die Anwohner vertrieben
werden, und ist gut bei Kasse (angeblich haben diese Milizen auch mehrere
Banken ausgeraubt). Sie versucht, Einfluß bei der zukünftigen Regierungsbildung
zu gewinnen, ihre Machtmittel sind Gewalt und Geld, sie verfügt aber über
keine authentische Basis in der Bevölkerung, ist unbeliebt und wird nicht
akzeptiert, weil sie als Organisation aus dem Ausland empfunden wird und in
den letzten Jahrzehnten keine Verbindung mit der realen Situation des Landes
und den Problemen der Bevölkerung hatte.
Die Schiiten sind am besten organisiert und können
jederzeit eine eindrucksvolle Massenbewegung in Millionenstärke mobilisieren.
Vom Ausland nahezu unbemerkt hatten sie seit 1994 im Südirak weitgehende Autonomie
bei der Wahrung ihrer inneren Belange erhalten und diese gut genutzt. Ihre
geistliche Führung sorgt für Ruhe und Ordnung, in den von ihnen kontrollierten
Städten Nadschaf und Kerbela gab es keine Plünderungen, und sie haben auch
eine islamische Gerichtsbarkeit eingesetzt. Ihre Strategien sind sehr flexibel
? es wird erwartet, daß sie zunächst auf demokratischem Wege entsprechend
ihrer Bevölkerungsmehrheit auch die Majorisierung der zukünftigen Regierung
anstreben und dann in einem weiteren Schritt einen islamischen Staat aufzubauen
versuchen werden. Sie sind absolut gegen die Besatzungsmacht eingestellt und
verfügen über ein großes Reservoir für den Dschihad. Reisende aus Nadschaf
berichten, daß die Schiiten dort bereits auf den Guerillakampf vorbereitet
sind. Die gebildete Bevölkerung von Baghdad hält die Schiiten für die Größe,
die am schwersten einzukalkulieren ist, aber an deren Entschlossenheit und
Gewaltpotentialen überhaupt kein Zweifel besteht.
?Die Amerikaner lieben das Leben, aber die Schiiten
hassen das Leben. Sie sind stolz darauf, im Kampf gegen die Amerikaner in
den Tod zu gehen, wenn ihr Führer ihnen das befiehlt.? (ein schiitischer Hochschullehrer)
Der Iran feuert: ?Weg mit den Amerikanern?, und der
Dschihad wird propagiert. Aus dem Iran wird zur Zeit der einzige Fernsehsendung
(Al-Alam ?Die Welt?) ausgestrahlt, die in Baghdad ohne Satellit empfangen
werden kann und die in der Aufmachung der Nachrichtensender CNN und Al-Dschasira
unentwegt einen islamischen Staat propagiert. Angeblich sind zahlreiche iranische
Milizen bereits im Lande. Der Einfluß des Iran auf die irakischen Schiiten
und auf die internen Machtverhältnisse ist von außen nicht zu bestimmen.
Die Millionen der städtischen Bevölkerung mit einer
sunnitischen Mehrheit, insbesondere im Großraum Baghdad, sind unkoordiniert
? sie werden weder durch die Zugehörigkeit zu Stammesverbänden, noch durch
religiöse Identität noch durch ein gemeinsames politisches Programm geeint.
Die Mittel- und Oberschicht verfügt über viel Erfahrung
in Administration und Wirtschaft, sie garantierte das Funktionieren des Staates
auch in schwierigsten Zeiten unter Embargo-Bedingungen. Diese Schicht will,
daß diejenigen die zukünftige Regierung bestimmen, die in den harten Zeiten
von drei Kriegen und 13 Jahren Embargo ihre Kompetenz bewiesen haben und über
genaue Kenntnisse der Gesellschaft und ihrer Probleme verfügen, die sich persönlich
aber nicht korrumpiert haben. Es bilden sich allerdings noch keinerlei Mehrheitsverhältnisse
oder verbindende Konzepte ab. Im gegenwärtig herrschenden Vakuum will jede
Fraktion Einfluß gewinnen. Inzwischen haben sich dutzende Parteien gebildet,
die Partikularinteressen vertreten. Selbst Splittergruppen versuchen, z. B.
mit Demonstrationen und Transparenten vor dem Palestine-Hotel auf sich aufmerksam
zu machen. Und ?jeder kleine Angestellte denkt, daß er jetzt Ölminister werden
kann? (so ein dort tätiger Direktor).
Es gibt allerdings keine Strukturen für demokratische
Prozesse, ein Forum für öffentliche Diskussionen und Mehrheitsbildung fehlt.
Einigkeit besteht nur darin, daß man weder einen islamischen Staat noch ein
amerikanisches Regime noch eine von den USA eingesetzte oder abhängige Regierung
will. Die Besatzungsmacht hat noch kein Mittel gefunden, die Bevölkerung zu
erreichen. Der Propagandasender (?Der neue Irak?) überzeugt niemanden, ?er
bringt nicht das, was die Iraker hören wollen? ? der Informationsgehalt ist
dürftig, und die Präsentation ist schwach (?furchtbares Arabisch?). Die öffentliche
Meinung bildet sich hauptsächlich durch privaten Meinungsaustausch und Mundpropaganda;
eine Schlüsselrolle spielen auch die Moscheen mit der Verkündigung islamistischer
Konzepte. Die nach dem Krieg nur vereinzelt neu aufkommenden Medien (darunter
einige Zeitungen früherer Oppositionsgruppen) erreichen nur Bruchteile der
Bevölkerung und sind für eine mehrheitsfähige Willensbildung ungeeignet.
Zukünftige Szenarien
Die Bandbreite denkbarer Szenarien ist groß ? langsame
Stabilisierung, Bürgerkrieg, Auseinanderfallen des Landes, Aufstände und Guerillakampf.
Prognosen über die weitere Entwicklung sind jedoch noch völlig unsicher. In
den innerirakischen Diskussionen werden folgende hypothetische Konstellationen
beschrieben.
- Die Besatzungsmächte gelten als Fremde, und eine
von ihnen installierte Regierung wird nicht akzeptiert. Sie müßten schnell
und effizient die Grundbedürfnisse nach Sicherheit und Versorgung befriedigen,
andernfalls droht die allgemeine Unzufriedenheit in offene Aggression umzuschlagen,
die in Aufstände und Guerillakrieg übergehen kann. Der Wiederaufbau geschieht
allerdings bisher nur sehr langsam und weitgehend konzeptlos.
- Wenn ?die Leute von Außen? ? z. B. Tschalabi und
der Irakische Nationalkongreß ? eine bestimmende Rolle in der neuen Regierung
erhalten, gilt es als wahrscheinlich, daß sich die Bevölkerung allgemein,
Sunniten und Schiiten, geeint gegen sie erheben wird. Die Folge wären kriegerische
Wirren, vielleicht ein Bürgerkrieg.
- Wenn die organisierten Schiiten die Mehrheit übernehmen
und den Irak in einen islamischen Staat umzuwandeln versuchen, wird die sunnitische,
städtische Bevölkerung heftigen Widerstand leisten; möglich sind Sezessionen
oder Bürgerkrieg.
- Eine sunnitische Diktatur durch einen starken Mann
in der Nachfolge von Saddam Hussein könnte sich wahrscheinlich durchsetzen,
wäre aber das genaue Gegenteil des vorgegebenen Kriegziels der ?Befreiung
des Irak? und eine weitere Enttäuschung für das Volk.
- Es fehlt einerseits eine mehrheitlich anerkannte
Integrationsfigur (am meisten Zustimmung scheint der frühere Außenminister
Patschetschi zu finden, der allerdings schon sehr betagt ist), andererseits
ist die Gefahr der gezielten Destabilisierung durch die alten Netzwerke, die
die Anarchie und allgemeine Unzufriedenheit für Sabotage und Aufstände nutzen
wollen, keineswegs überwunden.
Angesichts der Unsicherheit und explosiven Stimmung
wird häufig folgender Standpunkt vertreten: Das Bombardement hat aufgehört
? aber der eigentliche Krieg hat noch gar nicht erst angefangen!
Die Wirtschaft
Lediglich in den Kreisen der Geschäftswelt sind einigermaßen
optimistische Töne zu hören. Zwar räumen auch die Geschäftsleute, die ganz
pragmatisch mit dem alten Regime umgegangen sind, sich an westlicher Effizienz
orientieren und viele Auslandskontakte haben, ein, daß 3-6 Monate schwierigster,
instabiler Zeiten wahrscheinlich sind; sie erwarten dann aber eine deutliche
Besserung.
Diese Schicht glaubt fest, daß sich die USA die ?besten
Stücke? sichern werden (vor allem den gesamten Ölsektor und sämtliche Großprojekte),
sie ist aber ebenfalls der Meinung, daß im Privatsektor die besten Chancen
für Deutschland und Europa bestehen.
?Amerikanische Produkte sind seit 40 Jahren unbekannt.
Die Iraker schätzen deutsche Erzeugnisse über alles, sie sind der Inbegriff
von Qualität und Prestige, mit diesen sind sie vertraut. Wenn sich die Handelsbedingungen
liberalisieren, entsteht für diese Produkte eine riesige Nachfrage.?
Noch allerdings gibt es keine staatliche Infrastruktur;
Ansprechpartner für Kontakte und Verhandlungen fehlen, oder sie haben keinerlei
Kompetenzen.
Abschließend gebe ich Kernsätze aus der privaten
Diskussion mit einem Geschäftsmann, einem Arzt und einem Professor wieder,
die im Ausland (USA, England und Deutschland) ausgebildet wurden und die das
Innenleben der irakischen Gesellschaft sehr genau kennen. Diese Meinungen
sind natürlich einseitig und z. T. auch naiv, geben aber sehr gut die Atmosphäre
wieder, die charakteristisch für die Gespräche in der früher staatstragenden,
gebildeten Schicht ist.
Über Saddam Hussein:
Saddam hat unseren Idealismus, den Irak aufzubauen
und groß und stark zu machen, mißbraucht. Ohne ihn wäre der Irak jetzt eine
Mittelmacht wie Indien und Pakistan. Er hat Sklaven aus uns gemacht. Er hat
das ganze Land auf seine Person zugeschnitten wie ein ausgetretenes Paar Schuhe.
Seine Cliquen haben uns alles Schlechte vorgemacht, und das ist jetzt allgemeine
Gewohnheit geworden. Udai (der älteste Sohn) hat Saddam zu Fall gebracht,
weil dieser ihm freie Hand gelassen hat. Er war die Ursache, daß 80 Prozent
der Bevölkerung Saddam, die Baath-Partei und das ganze Regime hassen. Er war
ein Sadist. Er hat Saddam politisch getötet.
Über die Amerikaner:
Niemand vertraut ihnen, sie sind dumm, sie haben
kein Verständnis, keine Ideen, zu wenige Informationen über den Irak. Sie
sind nicht gekommen, um den Irak zu befreien, sondern um unseren Reichtum
zu nehmen. Sie haben eine viel größere Schweinerei (a much bigger mess) angerichtet,
als wir sie vorher hatten. Sie haben nur zerstört, aber nichts gebracht, um
das Alte zu ersetzen. Sie sollten jetzt mit dem Wiederaufbau anfangen ? warum
lassen sie die Dinge in diesem Chaos? Die Zeit wird kommen, da werden die
Leute auf den Straßen sagen: ?Saddam war besser!? Wenn die Amerikaner bleiben,
werden wir sie bekämpfen. Jeden Tag zwei Tote ? da kommt mit der Zeit eine
ganze Menge zusammen. Sie sind in einem Sumpf gelandet. Die Leute, die sie
mitgebracht haben, die jetzt politisch aktiv sind, kennen sich nicht aus.
Diese Figuren werden niemals akzeptiert werden.
Über die UNO-Inspekteure (UNSCOM bzw. UNMOVIC):
Blix verdient 80.000 Dollar im Monat, die anderen
Inspekteure 60.000 Dollar; der Irak bezahlt ihr Gehalt. Sie haben nur ein
einziges Interesse: daß das Embargo möglichst lange dauert, damit sie weiter
Geld verdienen können. Unter ganz fadenscheinigen Argumenten verlängern sie
ihre stets ergebnislosen Nachforschungen und wollen auch die belanglosesten
Details überprüfen. Ohne ihre Inspektionen würden sie ihre Einkommen verlieren.
Dabei wissen sie seit 1995 ganz genau, daß der Irak keine Massenvernichtungswaffen
mehr besitzt ? als Hussein Kamil (der übergelaufene und später liquidierte
Schwiegersohn Saddams) der CIA alle Details verraten und ganz ausdrücklich
bestätigt hat, daß der Irak alle diese Waffen zerstört hat.
Über Demokratie:
Wir sind nicht darauf vorbereitet. Demokratie braucht
Zeit ? bestimmt 50 Jahre. Wir werden eine Demokratie missbrauchen. Was ist
der Vorteil von Demokratie, wenn wir nicht sicher schlafen können? Demokratie
ist das Schlimmste, was dem Irak passieren kann. Wir brauchen sie nicht, wir
brauchen jemand, der uns beschützt. Wir brauchen eine Diktatur, aber moderat!
Über die Zukunftsaussichten:
Unsere Zukunft ist sehr, sehr dunkel. Wir haben Angst
um unser Leben. Wir wollen nur überleben. Die Gesellschaft ist zerfallen,
es herrscht völlige Gesetzlosigkeit. Es gibt kein Vertrauen, in nichts. Die
Iraker werden vielleicht vergeben, aber niemals vergessen, was geschehen ist.
10. Mai 2003 Prof. Dr. Walter Sommerfeld
Quelle:
Quelle: Newsletter DEUTSCH-ARABISCHE
GESELLSCHAFT -
www.d-a-g.de