27.12.2008 - Krieg + Mord in Gaza - "Cast Lead" - "Gegossenes Blei“

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Beschämende Heuchelei einer Welt, die sich zivilisiert nennt
28. Dezember 2008 - Fest der Heiligen Familie (für die, denen das etwas sagt)

Seit mehr als 24 Stunden ist der Gaza-Streifen in Feuer und Blut, unter
einem Angriff der israelischen Luftwaffe, der besonders mörderisch und
barbarisch ist. Der israelische Ministerpräsident, Ehud Olmert, bereits
geschwächt durch eine völlig inkompetente Führung des gegen den Libanon
entfesselten Krieges vor einigen Jahren und jüngst wegen Korruption zum
Rücktritt von seinem Posten gezwungen, er hat vielleicht in diesem letzten Akt
von Barbarei gegen das palästinensische Volk ein Mittel gesehen, um vor
Verlassen seiner Funktion sicherzustellen, dass sein Name in den
Geschichtsbüchern bleibt, zumindest als Fußnote.

Das Traurigste daran - widerwärtig, aber nicht überraschend - ist
nicht die Aktion von Israel, die sich einreiht in eine lange Liste von
Operationen mit der Zielsetzung, dass niemals ein palästinensischer Staat
existieren kann und also das palästinensische Volk als solches verschwinden
wird, das Traurigste ist vielmehr die Reaktion der internationalen
Gemeinschaft. Natürlich drücken alle Regierungen ihr Entsetzen aus angesichts
der Gewalt, die in den letzten Tagen im Gazastreifen entfesselt wurde, und
sie appellieren an beide Parteien, sich "zurückzuhalten". Die Regierung Bush,
die in wenigen Wochen aus der Geschichte abtreten wird - nachdem sie  in
einem großen Teil des Globus den Terror hervorgerufen hat während der acht
Jahre, die vielleicht nicht mehr als eine Fußnote in den Handbüchern der Geschichte
verdienen, sei es auch nur wegen der Zahl der Opfer - diese Regierung hat
sich damit begnügt, die Hamas für diese mörderische Attacke verantwortlich zu
machen, ohne auch nur den Schatten eines Vorwurfs an die Adresse Israels. In
der westlichen Welt hat allein der Papst an diesem Morgen (28. Dezember)
gesagt, dass alle Gewalt von beiden Seiten verurteilungswürdig sei. Die
Diplomatie hat es ihm offensichtlich verboten, die Anschuldigungen gerecht
aufzuteilen.

Alle Welt scheint den Abschuss von einigen dutzend (vielleicht einigen
hundert) handgefertigten Raketen ohne die mindeste Präzision, die praktisch nie
Opfer gefordert haben, in einen Topf zu werfen mit dem Auslösen  massiver
Bombardierungen auf dicht bevölkerte Gebiete, die in wenigen Minuten fast 300
Tote und mehr als 1000 Verwundete verursacht haben. Welche Heuchelei!
Allerhöchstens spricht der eine oder andere Staatschef von "unverhältnismäßiger
Reaktion."

Man sagt, dass die Hamas verantwortlich sei, weil sie den
Waffenstillstand gebrochen habe durch Wiederaufnahme der Raketenangriffe. In
Wirklichkeit hat sie ihn nicht gebrochen, bevor die Beschießungen wieder
angefangen haben am Ende einer Waffenruhe von sechs Monaten, die weder von
Israel noch von der Hamas erneuert wurde. Auf der anderen Seite hat die
Regierung Israels niemals seit ihrer Unterschrift am 18. Juni 2008 diese
Waffenruhe respektiert, weil sie weiterhin die Blockade des Gazastreifens
aufrecht erhalten und die ganze Bevölkerung von eineinhalb Millionen Menschen
in einem riesigen Freiluftgefängnis gehalten hat, ohne  den humanitären
Organisationen einschließlich der UN die Möglichkeit zu lassen, dieser
gefährdeten Bevölkerung die elementarsten Dienste an medizinischer
Versorgung, Ernährung und Trinkwasser zu leisten. Außerdem hat Israel sich im
Laufe der 6 Monate nicht davon abhalten lassen, nach Belieben in den
Gazastreifen einzudringen und Menschen nach Gutdünken umzubringen, zum
Beispiel am 4. November. Dieser angebliche Waffenstillstand war ein
einfacher Vorwand, um eine Invasion von Bodentruppen vorzubereiten, die sehr
wahrscheinlich in den nächsten Tagen stattfinden wird, wenn nicht in den
nächsten Stunden, und deren erste Phase ein massiver Luftangriff war, gemäß
einer wohlentwickelten Technik der amerikanischen Armee, vor allem von
General Colin Powel (um die Verluste beim Angriff zu minimieren, ohne in
Rechnung zu stellen, dass diese Methode die Zahl der zivilen Opfer auf der
Gegenseite maximiert).

Sicherlich kann man das Abschießen der Raketen durch die Hamas bedauern
und sich fragen, was sie einbringen, aber hat ein belagertes Volk ein Recht auf
Selbstverteidigung - Ja oder Nein? Und wenn diese Methode der Verteidigung
nicht gefällt, hat man ihm eine andere anzubieten? Angesichts dieser Reihe von
beinahe harmlosen Raketen, die aber dennoch Schrecken verbreiten, spricht man
von asymmetrischem Krieg und also von Terrorismus. Und was? Würde Symmetrie
nicht erfordern, dass jemand die Palästinenser zu ihrer Verteidigung mit
derselben Art von Flugzeugen, Panzern und Nuklearwaffen ausstattet, die Israel
besitzt?

Das palästinensischen Volk hat vor einigen Jahren eine Regierung
demokratisch gewählt. Anstatt mit dieser Regierung zusammenzuarbeiten, um
eine friedliche Lösung zu finden für die Krise im Nahen und Mittleren Osten,
die vom Westen vor mehr als einem halben Jahrhundert hervorgerufen worden
ist, haben die Großmächte es vorgezogen, sie zu isolieren, nicht anzuerkennen
und stürzen zu lassen. Der Grund?  Man sollte Uncle Sam nicht
unberücksichtigt lassen, der diese Regierung mit der Bezeichnung "Terrorist"
belegt hat - die immer willkürlich verwendet wird, offensichtlich ohne sich
um für alle Welt sichtbare Fakten zu kümmern; wenn man diese Bezeichnung in
objektiver Weise verwenden würde nach denselben Kriterien, könnte man weder
vermeiden, sie auf die Besetzung eines großen Teils von Palästina durch
Israel anzuwenden (gegen alle internationalen Gesetze und in Widerspruch zu
zahlreichen Resolutionen der Vereinten Nationen), noch auf die Blockade, die
von Israel gegen den Gazastreifen verhängt wurde, noch auf die massiven
Angriffe in dicht bevölkerten Wohngebieten wie die der letzten Tage, noch
offensichtlich auf zahlreiche Initiativen des moribunden Regimes des George
W. Bush, von dem das psychologische Vernichtungslager namens Guantanamo als
symbolträchtigstes Beispiel in die Geschichte eingehen wird.

Diese Heuchelei ist der erste und hauptsächliche Grund für das
aktuelle Drama und für die Leiden, die seit 60 Jahren dem palästinensischen
Volk auferlegt worden sind.

Armand VEILLEUX

 

(Armand Veilleux ist Abt des Zisterzienserklosters Scourmont, Belgien)

 

 


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