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Beschäftigt sich Chirac damit?
Amira Hass, Haaretz, 3.8.05
Eine
europäische Journalistin wurde darum
gebeten, etwas über die Mauer zu schreiben,
die Anata in ein abgeschlossenes Getto
innerhalb Jerusalems verwandelt. Es tut mir
leid, sagte sie, der Herausgeber der Zeitung
ist nur am Abzug ( der Siedler aus dem
Gazastreifen) interessiert. Die Zeitung hat
alles: beschwingte Nachrichten, eine Menge
Aktionen, Juden verfluchen Juden, Juden
schlagen Juden. Die sich wiederholenden
Details über den Schaden, den die Mauer
anrichtet, langweilt nur. ( Das ist die eine
Seite der Medaille)
Die
andere ist die ( erstaunliche) Zuneigung,
mit der Ariel Sharon in der vergangenen
Woche in Frankreich begrüßt wurde. Und
ehrlich gesagt, sollte Jacques Chirac sich
wirklich um die drei letzte Woche durch
israelische Behörden zerstörten Häuser im
Dorf el-Khader kümmern? Und liegt es in
seiner Verantwortung, dass nicht weit davon
die Siedlung Efrat sich weiter ausdehnt –
auf Kosten der biblischen Landschaft von
El-Khader ?
Ist es
von Bedeutung für ihn, dass die Kreuzungen,
die Israel jetzt östlich der Grünen Linie
baut , Quadratkilometer Land des
Westbankterritoriums rauben - und damit
Privatbesitz von Hunderten von Familien -
mit dem klaren Ziel, dieses Land für
„internationale Terminals“ zu
institutionalisieren ? Und warum sollte er
und andere europäische Führer bei der
Nachricht geschockt sein, dass die
Hauptstraßen der Westbank fast keinen
palästinensischen Verkehr haben, obwohl
dort ein Transfer durchgeführt wurde? Die
Israelis erschrecken nicht vor solch einer
Nachricht.
Wer
findet wohl die richtigen Worte, um
europäischen Zeitungen zu erklären, dass
israelisches Militär alle paar Wochen alle
Bewohner der nördlichen Westbank daran
hindert, in den Süden der Westbank zu fahren
? Am Za’atara-Kontrollpunkt, südlich von
Nablus, in der Nähe der illegalen Siedlung
Tapuach, schicken sie die Leute zurück und
behaupten, es bestünde „Alarmstufe 1“. In
der kreativen Redeweise des IDF wird dies
„Trennung“ genannt. Sie trennen zwischen
Judäa und Samaria. Manchmal dauert dies vier
manchmal zehn Tage. Wie gewöhnlich, findet
jemand, der ein bestimmtes Ziel erreichen
muss, einen Umweg, der mehrere Stunden
dauert, hügelauf, hügelab, über felsiges
Terrain und durch Olivenhaine. Aber die
meisten verzichten auf ihr Recht der
Bewegungsfreiheit.
Warum
sollte Chirac und Le Monde oder der Figaro
an den Hirten der südlichen Hebroner Hügel
interessiert sein, die am Montag von ihrem
eigenen Weideland von Soldaten gestoßen und
von einer anderen illegalen Siedlung
angebrüllt wurden, zu verschwinden.
Warum
sollten Chirac und die anderen europäischen
Führer an unzähligen Kleinigkeiten
kalkulierter Enteignung interessiert sein,
die das Leben des palästinensischen Volkes
diktiert. Kleinigkeiten, die -
zusammengefügt - ein klares Bild ergeben:
Sharon ist fest entschlossen, seinen
Gesamtplan durchzuboxen – den größten Teil
der Westbank unter die Herrschaft Israels zu
bringen.
Das
Jordantal, die Siedlungsblöcke, die immer
mehr in einander übergehen, die imposanten
Straßen „nur für Juden“, die
demilitarisierte Zone, seitdem sie von
Israel annektiert wurde, das Gebiet von
Jerusalem, das 1967 annektiert wurde, die de
facto Annexionen durch die Mauer/ den Zaun –
das ist schon der größte Teil der Westbank.
Sie werden die dicht bevölkerten
palästinensischen „Taschen“, die noch übrig
bleiben, einen Staat nennen – und die Welt
wird applaudieren.
Doch
gibt es (leider) reichlich Gründe, sich für
die „Peanuts“ dieser Enteignung nicht zu
interessieren: Es handelt sich nämlich nur
um ein 3,5 Millionen Volk, bei dem es kein
Öl gibt, dem keine internationale Macht
beisteht und dessen Brüder in der Diaspora
und in Israel keine Lobby darstellen. Da
gibt es Orte auf der Welt, wo es viel, viel
schlimmer und grausamer zugeht – und keiner
macht den Mund auf. Außerdem kann Israels
Kolonialismus längst nicht mit dem
mörderischen Tun der europäischen Variante
verglichen werden.
Aber
Europa sollte sich dafür interessieren. Die
Milliarden Dollar, die es hier ausschüttet,
beweisen doch, dass es weiß, dass dieser
„kleine“ Usurpator dabei ist, zu einem
äußerst kritischen Zeitpunkt Verbrechen zu
begehen . Vielleicht hoffen die europäischen
Führer, dass das Geld, mit dem die
palästinensische Behörde überschüttet wird
– und indirekt auch Israel zugute kommt, das
sich so seiner Verantwortung als
Besatzungsmacht entzieht – ihre Unfähigkeit
kompensiert. Sie, die Europäer, waren es,
die es versäumten, die internationalen
Entscheidungen, in denen es um die
Illegalität der Siedlungen geht,
durchzusetzen.
Europa
und seine Medien - die von der sog.
Friedenspropaganda von Oslo hinters Licht
geführt wurden, während die Israelis ihre
Kolonisierung fortsetzten und verstärkten –
hat die Pflicht, die Realität endlich zur
Kenntnis zu nehmen und nicht so, wie sie von
ihren diplomatischen Vertretern der Region
dargestellt wird. Israel wird als ein Teil
des Westens, der aufgeklärten Welt,
wahrgenommen, die behauptet, Lektionen aus
ihrer kolonialistischen und
Nazi-Vergangenheit gelernt zu haben und
Rassismus zu bekämpfen.
Das
Bürgerschaftsgesetz und das Gesetz gegen
Intifada-Kompensation, das in der Knesset
mit anderen Gesetzen vor kurzem
rechtskräftig gemacht wurden, widersprechen
proklamierten europäischen Vorstellungen vom
„Kampf gegen Rassismus und
Diskriminierung“. Aber Israel nimmt an den
europäischen Sportwettkämpfen teil und hat
enge wirtschaftliche, wissenschaftliche und
kulturelle Bindungen zu Europa, als ob es
die Kriterien der Menschenrechtscharta
einhalten würde.
Es ist
in der Tat unmöglich, die Errichtung des
Staates Israel historisch vom Genozid der
europäischen Juden zu trennen . Deshalb
trägt Europa historische und moralische
Verantwortung für beide Völker, die
in unserem Land leben – das besetzte
palästinensische Volk und das
jüdisch-israelische Volk – die Besatzer.
Dies
sollte ausreichen, Europa zu verpflichten,
Israel nicht bei der Erfüllung seines Planes
– Sharons Gesamtplan ( s.o.) --
beizustehen, egal ob der Plan die
Sicherheit der Region und der Welt aufs
Spiel setzt.
(dt. Ellen
Rohlfs)
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