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Original Message -----
From: Shraga Elam
Sent: Thursday, November 13, 2003 11:48 AM
Subject: Eine Replik zur Martin Hohmanns Rede: Wie gut beherrschen die Deutschen ihre eigene Sprache?

 


Wie gut beherrschen die Deutschen ihre eigene Sprache?



Diese Frage stellte ich mir schon, als ich seinerzeit das Flugblatt Möllemanns las und darin weder Anti-Jüdisches noch Anti-Israelisches fand, sondern lediglich die Kritik an die Adresse der Herren Ariel Scharon und Michel Friedman. Eine gemässigte Kritik, die sogar von sehr vielen jüdischen Menschen geteilt wird.

Im Faltblatt stand ausdrücklich:

»Jürgen W. Möllemann setzt sich seit langem beharrlich für eine friedliche Lösung des Nahost-Konfliktes ein: Mit sicheren Grenzen für Israel und einem eigenen Staat für die Palästinenser

Wer hierin eine anti-israelische Position lesen will, muss dringend einen Sprachkurs besuchen - oder sich psychiatrisch behandeln lassen.

Bei Martin Hohmanns jüngster Rede ist die Sache zwar komplizierter als bei Möllemann, doch seine zentrale Aussage wird ebenfalls geflissentlich übersehen und nicht berücksichtigt. Hohmann sagte ausdrücklich:  «Weder die Deutschen noch die Juden sind ein Tätervolk»
Trotzdem wird überall behauptet, dass er die Juden als Tätervolk bezeichnet habe.

Hohmann versuchte zu demonstrieren, wie unhaltbar die Bezeichnung Tätervolk für "die Deutschen" sei. Genauso absurd wäre es, so Hohmann, zu meinen, da so viele jüdische Personen bei der kommunistischen Führung in Russland waren, sämtliche Juden und Jüdinnen für die stalinistischen Verbrechen verantwortlich zu machen.

Hohmanns Vergleich hinkt zwar und eine Analogie mit der breiten israelischen Unterstützung für die heutigen täglichen Kriegsverbrechen an den PalästinensernInnen wäre viel angebrachter. Als rassistisch jedoch kann seine Behauptung deshalb noch lange nicht gelten.

Seine Attacke gegen die Atheisten ist hingegen - ohne wenn und aber - heuchlerisch, falsch und schon fast lustig in ihrer Verlogenheit. «Gottlosen mit ihren gottlosen Ideologien, sie waren das Tätervolk des letzten, blutigen Jahrhunderts,» deklarierte Hohmann und blendete dabei bewusst aus, wieviel Blut im Namen der Religionen vergossen wurde und wird.

Der Hauptpunkt der Diskussion, die von Hohmann angerissen wurde, sind eigentlich folgende Fragen:
 

·       Gibt es so etwas wie ein Tätervolk, und sind "die Deutschen" als die ewigen Täter und "die Juden" als die ewigen Opfer anzuschauen?
 
·       Gibt es so etwas wie eine "Kollektivschuld" bzw. "Kollektivunschuld" und ist diese erblich?

 

Diese Fragen sind wichtig und verdienen eine ernsthafte und sachliche Auseinandersetzung, und zwar losgelöst von der Person Hohmanns.

Es ist offensichtlich, dass die Haltung, welche "die Deutschen" als Tätervolk betrachtet, als rassistisch zu bezeichnen ist. Die heutige dominierende anti-kriegerische deutsche Einstellung ist der beste Beweis dafür, und umgekehrt ist die verbreitete Unterstützung für den Militarismus in Israel ein starker Beleg dafür, wie Kulturen und Gesellschaften sich innerhalb relativ kurzer Zeit ändern können.

Was die Kollektivschuld anbelangt, ist - wie von Hohmann suggeriert - in der Tat zwischen der Verantwortung der Führung und jener des "einfachen Volkes" zu unterscheiden. Dies bedeutet aber nicht, dass die einzelnen BürgerInnen von ihrer Verantwortung völlig entlastet werden dürfen. Denn heute wie vor 60 Jahren sind Menschen aufgefordert, nicht mit dem Strom zu schwimmen. Und eine unbequeme Meinung darf nicht die Verbannung in ein KZ oder in die Isolation bedeuten.

Es ist anzumerken, dass die Judenvernichtung eine geheime Reichsache war, und Informationen darüber zu beschaffen, war für die 'normal Sterblichen' in NS-Deutschland eine doch recht gefährliche Angelegenheit. Im Unterschied dazu ist es im heutigen Israel, das immer noch einige demokratische Charakterzüge aufweist (vor allem natürlich für die jüdischen BürgerInnen), nicht so riskant, Auskunft über die Gräueltaten der eigenen Armee oder der Rechtsradikalen zu beschaffen und auch dagegen zu protestieren. Insofern ist die Verantwortung der heutigen jüdischen israelischen BürgerInnen bedeutend grösser als diejenige der deutschen Bevölkerung während der NS-Zeit. Dies unabhängig davon, ob die jeweiligen Verbrechen vergleichbar sind oder nicht. In Israel gibt es keine Vernichtungslager (noch nicht), dies entlastet die jüdische Bevölkerung aber nicht. Abgesehen davon liegt eine kriminelle und massive Eskalation schwer in der Luft, sodass ein Vergleich zwischen dem heutigen Israel und dem NS-Deutschland der 30er-Jahre nicht mehr so abwegig ist.

*Shraga Elam

* Shraga Elam ist israelischer Journalist und Friedensaktivist in Zürich.
 

 


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