Blinde Liebe
von Gideon Levy -
Ha'aretz
Ein Konzept wird
geboren – das “Sharon-Vermächtnis”. Wie sein
Vorgänger, das „Rabin-Vermächtnis“ wird es auch eine
Person vertreten, die völlig anders ist als die
wirkliche Person. Deshalb wollen wir diese seine
nicht-mythische Person - einen Moment, bevor aus
Ministerpräsident Ariel Sharon das
„Sharon-Vermächtnis“ wird, der „Held des Friedens
und des Abzugs“, der, wenn er seine Rolle nur ein
wenig länger gespielt hätte, Israel angeblich den
Frieden gebracht hätte – ohne beschönigende Worte
skizzieren. Sharon, seit Ben Gurion vielleicht der
einflussreichste Führer, war die Ursache vieler
politischer Probleme und Sicherheitsproblemen, denen
sich Israel gegenüber sah und sieht. Das muss auch
jetzt ehrlicherweise gesagt werden. Der neue Sharon,
der so viel Respekt von vielen Israelis und von
vielen Länder der Welt erhalten hat, versuchte in
seinen letzten Jahren nur ein paar seiner
historischen Fehler, mit denen er das Land während
seines Lebens konfrontiert hat, zu reparieren. Das
Siedlungsprojekt, die Stärkung der Hamas und das
Auftauchen der Hisbollah als einen bedrohenden und
bedeutenden Faktor im Libanon – alles dank Sharons
Politik.
Die verspätete Begeisterung für Sharon ist deshalb
Begeisterung für einen klugen Führer, der am Ende
seines Lebens sich selbst irgendwie aus Situationen
herausziehen will, in die ein weiser Führer sich nie
begeben hätte. Er verdient Respekt für seine
verspätete Veränderung, für die Anerkennung der
Grenzen der Macht, für die Erkenntnis der
Schädlichkeit des Siedlungsprojektes und die
Kriminalität der Besatzung – aber es ist unmöglich,
seine wichtige Rolle beim Schaffen von all diesem zu
ignorieren. Weil er seinen Grundansichten treu
geblieben ist, die meinen, dass es keine Chance für
einen Frieden mit den Arabern gibt, können wir ihn
jetzt nicht als einen „Friedenshelden“ darstellen –
genau wie es eine Übertreibung war, den verstorbenen
Ministerpräsident Yitzhak Rabin nach seiner
Ermordung in solch einen Helden zu verwandeln.
Der alte Sharon war derjenige, der das Land in den
unnötigsten und leidvollsten von Israels Kriegen
führte, in den Libanonkrieg. Er hob auch seine Hand
nicht zugunsten eines Friedensabkommens mit
Jordanien – es wäre vom israelischen Standpunkt aus
das einfachste und günstigste der Abkommen gewesen .
Der neue Sharon ignorierte die Palästinenser
einfach. Bei wichtigen Maßnahmen wie dem Abzug oder
dem Mauerbau, ignorierte er ihre Existenz, ihre
Bedürfnisse und ihre Wünsche. Er versuchte gar
nicht, einen Frieden mit ihnen zu erlangen, weil er
keinen Moment daran glaubte, dies sei möglich.
Das Sharon-Vermächtnis wird vor allem an den Abzug
erinnern, nicht an die „Operation Schutzschild“ in
Jenin 2002, auch nicht an den Rachefeldzug in Qibiya
1953 oder die anderen gewalttätigen und
überflüssigen Operationen – genau wie das
Rabin-Vermächtnis nur an das Oslo-Abkommen erinnert.
Vielleicht ist das eine Lektion für unsere
zukünftigen Führer: ewiger Ruhm kann nur über
Friedensabkommen erlangt werden – nicht über
ruhmreiche Schlachtfelder. Aber selbst jene, die
daran glauben, dass Sharon noch mehr Siedlungen
auflösen wollte, können die Tatsache nicht
ignorieren, dass es sich dabei um ein paar verfaulte
Äpfel seiner Politik handelt. Der Historiker wird
sich an alle unvernünftigen Karten, die
„Siedlungsblöcke“, die „legalen“ und „illegalen“
Außenposten erinnern, für die er mehr als irgend ein
anderer Israeli verantwortlich ist, und die dafür
bestimmt waren, jede Möglichkeit eines gerechten
Abkommens mit den Palästinensern zu verhindern.
Doch wenn auch Sharon versucht hatte, den Schaden,
den er mit den Siedlungen angerichtet hat, zu
korrigieren, so ist dies in anderen Bereichen nicht
der Fall. Israel zwei erbitterste gegenwärtige
Feinde, wie die Hamas und die Hisbollah verdanken
ihre Stärke in nicht geringem Maße ihm. Während
desselben verfluchten Krieges, des Libanon-Krieges,
der ihm zugeschrieben wird, sorgte er für die
Entfernung der Palästinenser im Südlibanon und deren
Ersatz durch die Hisbollah.
Er kann sich ein erstaunlich ähnliches Resultat
Jahre später gegenüber der Palästinensischen Behörde
als Verdienst anrechnen, als er die religiösen
Fundamentalisten dem moderaten Lager bevorzugte. Der
neue Sharon, der beliebt und bewundert wird, ist
verantwortlich für den Kollaps der PA als eine
zentrale Einheit in den besetzten Gebieten und ihrer
Ablösung durch Hamas, die jetzt die Kontrolle übe
die Regierung zu übernehmen droht und die Anarchie,
die nun alles zu zerstören droht.
Während all der Jahre als Ministerpräsident
unterließ er es, den Führern der PA irgend eine
Unterstützung zukommen zu lassen, damit sie ihre
Herrschaft unter der israelischen Besatzung aufbauen
können. Selbst nachdem der PA-Präsident Yassir
Arafat starb, erlaubte er es seinem moderaten
Nachfolger nicht, seinem Volk eine bedeutsame
Errungenschaft vorzulegen: weder die Entlassung von
Gefangenen, noch mehr Bewegungsfreiheit, noch hat er
in Betracht gezogen, mit den Palästinensern
gemeinsam den Mauerverlauf zu planen oder gar die
Teilnahme beim Beginn von Verhandlungen. Stattdessen
tat Sharons Israel alles in seiner Macht liegende,
um die PA zu zerstören und sie in den Augen des
Volkes zu demütigen. Eine gewalttätige israelische
Militäraktion, die in der Operation Schutzschild
ihren Gipfel erreichte, verursachte den Kollaps des
PA-Verwaltungsapparates. Polizeistationen, die dafür
gedacht waren, die Regierung zu stabilisieren und
den Terror zu bekämpfen, wurde gnadenlos zerstört.
Dazu der ganze Verwaltungsapparat und seine
Regierungsbüros, eines nach dem anderen. In dem
dabei folgenden politischen und sozialen Vakuum
konnte die Hamas gedeihen.
Im letzten Kapitel seines politischen Lebens sah er
den Ausbruch der iranischen Bedrohung, vielleicht
die gefährlichste von allen. Wie ironisch ist diese
Bedrohung! Denn sie betont die Irrelevanz von
Gebiet, das die Sicherheit des Landes gewähren soll.
Sie erscheint ironisch in der schwindenden Zeit des
Mannes, der sein ganzes Leben glaubte, dass
Gebietzuwachs das Ein-und-Alles sei. Einen
Augenblick bevor Sharon in den nationalen Pantheon
einkehrt, sollten wir uns am besten daran erinnern,
dass wir eher einen mutigen Kämpfer und klugen
Staatsmann verlieren als einen weisen und der großen
Schaden angerichtet hat. Er verlässt die Bühne,
eingehüllt in die blinde Liebe seines Volkes.
