Start Palästina Portal
 

Dämmerung im Lager der zerbrochenen Träume
Gideon Levy

  

„Die Lebensumstände erlauben ihnen keine Träume“, sagt Ahmeds Mutter.

(Miki Kratsman)

 

 

Wer von ihnen wird in den nächsten fünf Jahren noch am Leben sein? Und wer in zehn Jahren? Wer wird in Freiheit leben? Wer im Gefängnis? Wer wird gesund sein und wer versehrt? Wer wird eine Ar­beit finden, und wer wird arbeitslos sein? Diese Gedanken schwebten im Raum, aber niemand sprach sie aus.

 

Aber selbst ohne eine bestimmte Einschätzung der Chancen über Leben und Tod, über Scheitern und Erfolg dieser jungen Menschen, war es eine traurige und beklemmende Unterhaltung.

 

Vier Buben und ein Mädchen, alle 18 Jahre alt, die in einer Woche ihre Reifeprüfung ablegen werden. Sie haben die letzten paar Monate damit verbracht, sich auf diese Prüfungen vorzubereiten – manche mehr, manche weniger – ohne dass auch nur einer von ihnen eine klare Antwort darauf geben könnte, zu welchem Zweck sie dies überhaupt tun müssen. Wie werden sie bei ihrer so fraglichen Zukunft aus den Reifeprüfungen profitieren können, außer dass sie ihren Eltern damit eine Freude machen?

 

Ihre Chancen, als Flüchtlingskinder, die in dritter oder vierter Generation mit Flüchtlingsstatus im Flüchtlingslager wohnen, aus dem Kreis der Besatzung und Armut, in den sie hineingeboren wurden, auszubrechen, sind mager. Nichtsdestotrotz sind sie vor ihren Prüfungen aufgeregt. Wenn sie in etwa vier Wochen abgeschlossen sein werden, und die Ergebnisse feststehen, werden die Familien für diejenigen, die bestanden haben – es sind gewöhnlich die Hälfte der Prüflinge – große Feste geben. In der palästinensischen Gesellschaft ist eine erfolgreiche Reifeprüfung ein Grund zum Feiern.

 

Wir saßen im Flüchtlingslager Jenin in der Wohnung einer der Familien. Das Mädchen befragten wir getrennt … Mädchen lernen separat. Wir versammelten die Jungs wahllos um uns herum; fast alle trugen Narben des Kampfes: der Söhne und Brüder beraubt, ein Heim, das zerstört wurde als sie jünger waren, Brüder im Gefängnis … In diesem aggressiven Flüchtlingslager gibt es fast keine Familie ohne eine Geschichte des Verlustes, der Zerstörung oder Gefängnisstrafe.

 

Hättest Du sie in Tel Aviv getroffen, wäre dir zwischen ihnen und den gleichaltrigen Israelis keinerlei Unterschied aufgefallen: Die starken Körper, das kurze Haar, die Markenjeans und T-shirts, endloses Herumhantieren mit dem Handy und die Winston-Zigaretten. Aber es gibt dennoch einen Unterschied: In Tel Aviv rauchen sie die blauen Winston Light, hier normalerweise rote Winstons.

 

Die Wohnung der Familie Ayoub: Sohn Ahmed ist 18 Jahre alt. Sein Bruder Yaman wurde getötet, genau so wie sein Cousin Amjad Husseini. Seine Mitschüler sitzen zusammen in dem spartanischen Zimmer, das den Blick auf einen Hof voller Gerümpel freigibt. Ahmed, Mohammed Batawi, Mahmoud Samour und Mahmoud Tubasi sind Schüler der Friedensschule für Jungen in der Stadt. Batawi verlor seinen Vater … Ahmed Batawi wurde im Februar 1988 getötet als Mohammed ein Jahr und 15 Tage alt war. Er kann sich an seinen Vater nicht erinnern. Mahmoud Tubasi ist ebenfalls Waise: Sein Vater, Arbeiter in einer Plastikfirma in Afula, starb an einer Krankheit. Sein Bruder wurde zu 32mal lebens­länglich aufgrund seiner Beteiligung an Anschlägen in Haifa und Karkur verurteilt. Das Haus der Familie wurde zerstört. Er hat noch zwei weitere Brüder im Gefängnis.

 

Vor wenigen Tagen haben sie ihre ersten Vorprüfungen abgeschlossen, und nun lernen sie täglich einige Stunden für die Hauptprüfung. Zusätzliche Aktivitäten: Sie hängen ab, sie gehen in die Stadt, sie lungern herum, sie gehen wieder in die Stadt, … Ahmeds Vater ärgert sich, weil sein Sohn nach 23.00 Uhr nach Hause kommt. Mohammed hat keinen Vater und darf deshalb erst um Mitternacht heim kommen. Ahmed ist der beste Schüler, Mohammed tut sich am schwersten. Für alle vier ist Englisch das schwierigste Fach. Ahmed hat eine 50 in Englisch. Die Prüfungen beinhalten sieben Fächer: Arabisch, Englisch, Geschichte, Geografie, Religion, Biologie und Mathematik. In Geschichte erfahren sie nichts über unseren Holocaust aber sie lernen etwas über die Balfour-Erklärung sowie den 1948er-Krieg.

 

Das erste Examen: Am 6. Juni und am darauffolgenden Tag wird es Arabisch sein. Dann, mit einem oder zwei Tagen Pause folgt der Rest der Prüfungen, einige davon sind zweiteilig. Sie müssen ihre Ausweise mitbringen und die Gelbe Karte, die ihnen das Recht auf Teilnahme bestätigt. Drei Prüfer überwachen das Klassenzimmer; Handys und Taschenrechner sind verboten. Jeder der 42 Schüler in einem Raum sitzt an einem eigenen Pult – es ist schwierig, abzuschreiben. Jeder durchläuft die Prüfungen, und die Ergebnisse werden im Juli veröffentlicht.

 

Was wollen sie werden, wenn sie erwachsen sind? Soldaten in der Palästinensischen Behörde. Wie wäre es mit einem Auslandsaufenthalt? Ahmed denkt darüber nach, eine Militärausbildung in Pakistan zu absolvieren. Mahmoud Samour will gar nicht ins Ausland gehen, und bei Mahmoud Tubasi reicht der weiteste Traum bis nach Jordanien. Thailand? Feuerland? Indien? Die Küsten von Costa Rica? Sie haben nichts davon gehört. Warum wollt ihr studieren? Ayoubs Vater antwortet für sie: „Für ihre Zukunft.“ Habt ihr etwas über die Messerstechereien in israelischen Nachtclubs gehört? Sie haben nichts darüber erfahren.

 

Welches werden die Ärzte der kommenden palästinensischen Generation sein? Und die Rechtsanwälte? Nicht sie. Vielleicht Schüler aus anderen Orten, nicht aus diesem Flüchtlingslager. Ja, es gibt einen sehr tüchtigen Jungen in ihrer Schule, er heißt Mohammed Bishara, vielleicht wird er Doktor im Lager werden. Alle anderen wollen Kämpfer werden. Es ist die Generation der Zweiten Intifada: Sie haben eine Menge Freunde verloren und eine Menge Schultage versäumt. Wenn die Besatzung be­absichtigt hat, auch die Gesellschaft zu zerstören, dann war sie sehr erfolgreich. Tubasi, dessen Vater starb, und dessen drei Brüder im Gefängnis sitzen, spürt, dass er für seine Familie sorgen muss. Er hat in seiner Lage nicht das Bedürfnis, weiter zu lernen.

 

Ist einer von ihnen je in Israel gewesen? Tubas arbeitete einmal zwei Wochen lang in Umm al-Fahm. Batawi besuchte Verwandte in Um al-Fahm. Sie waren auch einmal am Toten Meer als sie Kinder waren, und sie schwammen sogar im Lake Kinneret. Ein erstes Lächeln auf ihren Gesichtern. Das war vor der Intifada. Aber sie haben niemals israelische Juden getroffen, nicht einmal solche in ihrem Alter, nur die Soldaten am Checkpoint und diejenigen, die in ihre Häuser eingedrungen sind und sie un­ter­sucht haben. Was unterscheidet Euch von den Israelis? „Dort sieht man keine Panzer, dort sieht man keine feindliche Übergriffe, dort sieht man keine Toten“, sagt der Bruder des bei Massen­terrorangriffen beteiligten Täters, Tubasi.

 

„Was würdet Ihr Israelis Eures Alters sagen?“ „Wir würden ihnen erzählen, wie wir leben.“ „Würdet Ihr Euch gerne mit ihnen treffen?“ „Nein. Jetzt noch nicht“, meint Tubasi. Ein Flugzeug der israelischen Luftwaffe braust über uns hinweg und übertönt das Gespräch. Jede Nacht hörten sie eine UAV über ihren Köpfen. Fünf Jeeps fuhren gegen Morgen in das Lager auf der Spur nach polizeilich gesuchten Männern.

 

Ayoub hat einen Wunsch: „Dass die israelische Armee sich zurückzieht, und wir in unserer Freiheit leben können.“ Tubasi: „Wenn die Besatzung weg ist, werden wir damit beginnen können, über uns selbst nachzudenken.“ Batawi: „Unser eigenes Palästina. Es gehört uns bis zum Meer. Und wir werden nach Palästina zurückkehren, und die Juden werden dahin zurückkehren, woher sie gekommen sind.“ Tubasi hofft, dass sie in sein Dorf Umm al-Shuf in der Nähe von Haifa, dem Geburtsort seines Vaters, zurückkehren werden.

 

Habt ihr irgendeinen persönlichen Traum, der nicht national begründet ist? Beklemmendes Schweigen. Die Atmosphäre im Raum ist bedrückend. Sie sind still. Reich werden? Ins Ausland reisen? Einen Sportwagen? „Die hiesigen Umstände erlauben ihnen keine Träume“, unterbricht die palästinensische Mutter, Umm Yaman … die Mutter von Yaman, der getötet wurde und von Ahmed, der sich auf die Reifeprüfung vorbereitet. Ihr Sohn Ahmed: „Ich träume davon, in mein Dorf in der Nähe von Umm al-Fahm zurückzukehren.“ Tubasi: „Einst habe ich davon geträumt, Computer­ingenieur zu werden aber die Umstände werden es nicht zulassen.“ Batawi: „Ich habe keinen individuellen Traum. Mein Traum ist der Traum des palästinensischen Volkes.“ Samour will heiraten und eine Familie gründen. Wollt ihr Euren nationalen Traum verwirklichen? Tubasi: „Es steht im Koran, dass wir am Ende siegen werden. Jetzt ist Israel stark, aber es waren die Briten, die Türken und die Kreuzfahrer hier – und sie verschwanden. 50 Jahre, 100 Jahre, 200 Jahre, …“

 

Gibt es keine Möglichkeit, dass die beiden Nationen hier zusammen leben werden? Tubasi: „Es gab einen Waffenstillstand, und es gab Versuche, miteinander zu leben, und die Israelis missachteten alles. Nun gibt es keinerlei Raum mehr für Frieden. Wir haben es versucht und hatten keinen Erfolg dabei. Die Israelis wollen nicht in Frieden leben.“ Falls sich die Israelis ändern würden? Samour: „Falls wir spüren, dass sie wirklich Frieden haben wollen, dann können wir darüber reden.“ Batawi meint, es gäbe keine Aussicht, und Tubasi sagt, dass Frieden nur möglich sei, falls sie in ihre Dörfer und zur Al-Aqsa-Moschee zurückkehren könnten. Nicht vorher. Wer will ein Wort an die Israelis Eures Alters richten? Tubasi: „Ihr könnt nichts machen oder sagen. Sharon spricht in Eurem Namen. Wir haben von Euch die ganzen Jahre lang nicht ein Wort gehört. Sharon entscheidet für Euch alle.“

 

Hätte vielleicht Ahmeds Vater, Faisal Ayoub, einen Wunsch für seinen Sohn? „Was kann ich wünschen? Und wenn er seine Prüfung besteht, woher will ich das Geld für sein Studium nehmen? Ich hatte vier Jahre lang keine Arbeit.“

 

Ein gepflegtes Heim im Lager ist die Wohnung der Al-Khatibs. Nida ist 18 Jahre alt und bereitet sich ebenfalls auf die Reifeprüfung vor. Ihr Vater hat im Camp ein Baustofflager. Mit einem weißen Kopftuch und einem schwarzen T-Shirt sitzt Nida vertieft in ihren Prüfungsstoff für Biologie und Geografie. Sie sitzt acht bis zehn Stunden pro Tag über ihren Büchern und Heften, viel länger als die Buben, die wir kennengelernt hatten. Nida erklärt, warum dies so ist. Die Jungen dürften sich freier draußen bewegen, und die Mädchen seien mehr ans Haus gebunden. Das schwerste Fach sei die Religion, obwohl sie das Prädikat 95 habe, das leichteste Fach die Mathematik, wenngleich sie hier 81 erreicht habe. Sie ist in der Al-Zahra-Schule für Mädchen die Fünftbeste ihrer Klasse. Hier gibt es eindeutige Rangfolgen.

 Warum ist es wichtig für Dich, die Prüfungen zu bestehen? „Um meine Eltern glücklich zu machen und anschließend Geschichte oder Geografie für das Lehramt zu studieren.“ Nida will nicht mehr als vier Kinder … ihre Familie, elf Schwestern und zwei Brüder, sei zu groß. „Aber alle studieren“, unterbricht sie ihr Vater mit leuchtenden Augen. Wie sieht es mit dem Ausland aus? Nida schaut irritiert zu ihrem Vater. Ein persönlicher Traum? Nur das Studium zu beenden. Und dann? Sie hätte gerne Rechtswissenschaften studiert und wäre dann Anwalt geworden. Aber in ihrer Gesellschaft geht niemand zu einem weiblichen Anwalt, deshalb hat sie den Plan aufgegeben. Sie will in keiner anderen Gesellschaft leben. Nur verbessern will sie ihre Gesellschaft. Was würde sich in Deinem Leben ohne die Besatzung ändern? „Alles würde offen sein, und es wäre möglich, überall dort hin zu reisen, wo man möchte.“

 „Gibt es irgendeine Hoffnung, dass es besser wird?“ fragt ihr Bruder, und Nida umarmt das weiße Kissen, das sie während des gesamten Gesprächs nicht aus ihren Armen gelassen hat.

 28.05.2005, Übers. v. Gabriele Al Dahouk


Kenneth Lewan
Ist Israel Südafrika

Das Buch wird gegen einen 'Solidaritätsbeitrag  (5€ + 2€ Versandkosten) verkauft.

Weitere Infos hier >>>


Rezension -
Das Buch ist aktueller denn je. Von der BRD-Presse totgeschwiegen, zeigt es Israel so wie es ist >>>
 



Was geschieht eigentlich hinter der Mauer in Palästina.

"Nur" Verbrechen gegen die Menschlichkeit oder schleichender Völkermord

Eine Dokumentation von Ellen-Ruth Rohlfs
3. erweiterte Auflage

Selbstverlag - Preis 12.- € - Zu beziehen über: ellen.rohlfs(at)freenet.de
 

 

Start | oben

Mail           Impressum           Haftungsausschluss                Honestly Concerned  + Netzwerk        The "best" of  H. M. Broder            Erhard  arendt art