Der General der Zwiebeln und
des Knoblauchs
Gideon
Levy, Haaretz, 13.7.08
Hier ist also das “nächste
Ding“ im Krieg gegen den Terror: der Krieg gegen die Friseure. Nachdem die
Hamas die Hälfte des palästinensischen Volkes übernahm – vor allem auf Grund
von Israels Maßnahmen ( mit Waffen, Belagerung, Zerstörung und Töten,
Massenarresten und Deportationen) haben die IDF und der Shin
Bet-Sicherheitsdienst etwas Neues erfunden: einen Krieg gegen
Einkaufszentren, Bäckereien, Schulen und Waisenhäuser.
Zunächst in Hebron, jetzt
in Nablus. Die IDF schließt Schönheitssalons, Kleiderläden und Kliniken und
sogar eine Molkerei – alles unter dem Vorwand, dass diese mit der Hamas
verbunden sind, oder dass sie die Miete einer Terrororganisation zahlen.
Diese bizarren Bilder von
Schließungsordern, die der diensttuende General an das Fenster eines
Kosmetikladens klebt oder an das eines Physiotherapiezentrums, oder eine
Enteignungsorder an einem Backofen – das zeigt dass die israelische
Besatzung verrückt geworden ist. Vor ein paar Monaten besuchte ich in Hebron
die Charitas-Einrichtungen und die Handelszentren, die die IDF zu schließen
begonnen hat. Ich sah absurde Szenen, die nur wütend machen. Eine moderne
Schule für 1200 Schülerinnen war auf Befehl des GOC (?) geschlossen worden
und eine Bibliothek für junge Leute, die auch geschlossen werden sollte.
So beweist die Besatzung
wieder einmal, dass es keinen Ort im Leben der Palästinenser gibt, den sie
nicht erreichen kann und dass es da keine Grenzen gibt: eine Armee, die
Schulen, Büchereien, Bäckereien und Internate schließt; Soldaten die eine
lizenzierte kommerzielle TV-Station stürmen und seine Einrichtung
konfisziert und sie zu schließen droht, wie es kürzlich mit der
Afaq-TV-Station in Nablus geschah.
In Israel erhoben sich
natürlich keine Proteststimmen, weder gegen das Schließen der Schule , noch
gegen das Schließen der Fernsehstation. Nach dem israelischen Gedankengang
wird die Macht der Hamas geschwächt, wenn eine Bäckerei, die kleine Brötchen
für Waisenkinder backt, geschlossen wird. Wenn wir Hunderte von armen
Kindern aus ihrem Heim auf die Straße werfen, werden sie und ihre
Verwandten Israel mit Sympathie betrachten; wenn wir ein volles
Einkaufzentrum schließen, werden seine zornigen Besitzer und Kunden
Fatahunterstützer.
Die israelische Besatzung
war schon lange Zeit nicht mehr in einem solch lächerlichen und
unmenschlichen Licht gesehen worden wie bei diesen Schließungs- und
Enteignungs-operationen, die der GOC –Kommandeur Gadi Shamni, der General
von Zwiebeln und Knoblauch , verordnete, nachdem was seine Soldaten in den
Lebensmittelläden konfiszierten. Diese illegalen und gewiss unmoralischen
und sicher nicht wenig kurzsichtigen Aktionen verbreiten eine laute und
klare Botschaft: die Besatzung hat alle moralischen Hemmungen und jede Spur
von Weisheit verloren. In welch elendem Zustand ist eine Armee, die
Vorratsräume für Lebensmittel und Kleidung für die Armen leert, wie
lächerlich, wenn die GOC Schließungsorder für Friseure unterschreibt, wie
jämmerlich ist ein Überfall auf Bäckereien und wie grausam ist eine
Besatzung, die Kliniken unter irgend einem Vorwand schließt.
Die Hamas füllte das
Vakuum, das in der Westbank und im Gazastreifen geschaffen wurde. Wie jede
religiöse Bewegung gedeiht sie dort, wo Verzweiflung und Armut herrscht. Nun
kommt Israel und sagt, vermehren wir die Armut und Verzweiflung. Warum? Um
die Hamas zu bekämpfen. Nichts ist absurder. Zehntausender armer Kinder in
der Westbank haben nichts, wohin sie sich außerhalb der islamischen
Charitas wenden können, die Israel verdächtigt mit der Hamas verknüpft zu
sein, obwohl viele schon lange vorher bestanden, bevor die Organisation
gegründet wurde. Israel hat aufgehört, sich um das Wohlbefinden der
Bevölkerung zu kümmern, obwohl sie nach dem Völkerrecht dazu verpflichtet
wäre. Und die Palästinensische Behörde zeigt auch kein besonderes Interesse
an sozialen und wirtschaftlichen Bedürfnissen. Fatah hat immer mehr Geld in
militärische Lager, Waffen und offizielle Wagen investiert, als für
Waisenhäuser, Krankenhausbetten und Dialyseapparate.
Dies ist das Vakuum, dass
die islamische Bewegung ausfüllt und ein eindruckvolles Ausmaß an sozialen
Diensten anbietet. Das Waisenhaus, das ich in Hebron besuchte, ist eines der
schönsten und gut geführtesten, das ich jemals sah. Es ist schon einige
Grausamkeit nötig, mit seiner Schließung zu drohen und einige Kühnheit, zu
behaupten, wenn man dies tut, dann dient es dem Krieg gegen den Terror und
einige Dummheit, um zu denken, dass solche Maßnahmen helfen. Die Schließung
von Geschäften und Einkaufszentren wird der palästinensischen Wirtschaft
nur einen weiteren Schlag versetzen, die versucht unter
Quarantänebedingungen durchzuhalten. Hat Israel nichts vom Fehlschlag der
Belagerung von Gaza gelernt?
Jeder, der die islamischen
Charitas-Einrichtungen besucht, würde sehen, dass nicht alles Geld, dass
diesen Organisationen zugute kommt, dafür bestimmt ist, um Gürtel und
Sprengstoff für Selbstmordattentäter zu kaufen. Die Westbankbewohner können
nicht eingesperrt, und es kann ihnen dabei nicht gleichzeitig verboten
werden, ihren Lebensunterhalt zu verdienen während wir die bekämpfen, die
das zu tun versuchen. Wenn Israel die Charitasvereine zu bekämpfen versucht,
dann muss es wenigstens alternative Dienste anbieten. Auf wessen Rücken
bekämpfen wir den Terror? Auf dem Rücken der Witwen und Waisen?
Das ist eine Schande.
www.haaretz.com/hasen/objects/pages/printArticleEn.jhtml?itemNo=1001358
(dt. Ellen Rohlfs)
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