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Und für Hamas
Diät *
Gideon Levy, 19.2.06, Haaretz
Das Hamas-Team
hat seit langem nicht so gelacht. Das Team, das von Dov Weissglas,
dem Berater des Ministerpräsidenten geleitet wird und zu dem auch
der Generalstabschef der IDF, der Direktor des Shin Bet, ranghohe
Generäle und Offiziere gehören, waren zu einer Konferenz mit der
Außenministerin Zipi Livni zusammengerufen worden, um darüber zu
beraten, wie man auf den Wahlsieg der Hamas reagieren solle. Jeder
war damit einverstanden, dass man die palästinensische Behörde
unter wirtschaftlichen Druck setzen müsse. Und Weissglas – wie
gewöhnlich – lieferte die Pointe: „ Es ist wie ein Termin beim
Diätassistenten. Die Palästinenser sollen schlanker werden, aber
nicht sterben,“ scherzte der Berater und die Teilnehmer konnten
sich kaum vor Lachen halten. Und warum nicht bei solch einem
erfolgreichen Witz in Lachen ausbrechen und entspannen? Falls
Weissglas diesen Witz auch seiner Freundin Condoleezza Rice erzählt,
wird sie sicher auch lachen.
Aber Weissglas’
Witzelei war besonders geschmacklos. Wie das von ihr ausgelöste
laute Gelächter zeigte es noch einmal, wie weit Israels Machtrausch
dieses verrückt macht und seine Moral vollkommen verzerrt. Mit einem
einzigen Witz demonstrierte der erfolgreiche Anwalt und Hedonist aus
der Lilienblumstraße in Tel Aviv die kalte Gefühllosigkeit, die sich
in den oberen Etagen der israelischen Politik und Gesellschaft
ausgebreitet hat. Während ein großer Teil der Palästinenser bei
erschreckend hoher Arbeitslosigkeit unter unmenschlichen
Bedingungen in Armut lebt, die in Israel so nicht bekannt ist,
dazu gedemütigt und eingesperrt – und zwar unter unserer
Verantwortung und durch unsere Schuld, verhängen die obersten
militärischen und politischen Bonzen unter herzhaftem Gelächter
eine wirtschaftliche Belagerung, die noch brutaler als die
bisherige sein wird.
Der Vorschlag,
hungernde Leute auf Diät zu setzen, wird hier ohne Schock, ohne
öffentliche Kritik akzeptiert; selbst wenn es nur im Scherz gesagt
wurde, ist es unvergleichlich schlimmer als die dänische Karikatur.
Es spiegelt eine weit verbreitete Stimmung wider, die in grausame,
praktische Maßnahmen übergehen wird. Wenn man bis jetzt behaupten
konnte, dass Israel in erster Linie Gefühllosigkeit gegenüber dem
Leiden anderer zeigt und seine Augen und Ohren vor dem Stöhnen
einer ganzen Nation - nur wenige Kilometer entfernt - verschließt,
macht Israel jetzt auch Witze auf Kosten des Leidens anderer.
Dies war nicht
Weissglas’ erster Witz oder Beitrag zum rassistischen und
herren-menschentümlichen öffentlichen Diskurs gegenüber den
Palästinensern. Sein wahres Gesicht zeigte er schon vor anderthalb
Jahren in dem berühmten Interview mit Ari Shavit in Haaretz, als er
bemerkte: „Wir haben der Welt beigebracht, zu verstehen, dass es für
uns niemanden gibt, mit dem wir reden können. Und so erhielten wir
ein spezielles Zertifikat „Mit-keinem-zu-reden ... das Zertifikat
wird erst dann widerrufen, wenn das und das geschieht – wenn
Palästina Finnland wird.“ Das war die Spitze des Zynismus: Der Mann,
der bis zum Hals in der Annex- Untersuchungsaffäre steckte – der
Shell-Gesellschaft, die große Geldbeträge an den Ministerpräsidenten
leitete – stellt Verhandlungsbedingungen an die Palästinenser, um
sie in das Land zu verwandeln, das bei einer Untersuchung am
wenigsten korrupt erschien, während Israel auf dem nicht
beneidenswerten Platz 26 aufgelistet war.
Die Empfehlung
einer „Diät“ zusammen mit Erlassen, die Israel plant, über das
palästinensische Volk zu verhängen, hätte einen lauten Aufschrei in
der israelischen Gesellschaft hervorrufen müssen. Selbst wenn wir
das schreckliche, politische, dumme Geschwätz, Hamas in eine Ecke zu
stellen, beiseite lassen, statt ihr eine Chance zu geben, ihre
Einstellung zu ändern, und selbst wenn wir die Tatsache ignorieren,
Israel plane, die Steuereinnahmen zu konfiszieren, die ihm gar nicht
gehören so läßt die Kadima-Regierung Fragen nach ihrer
Menschlichkeit hochkommen. Woher bekommen wir das Recht, ein ganzes
Volk in dieser Weise zu misshandeln? Das hängt nur mit unserer
großen Macht zusammen, und dass die USA uns erlaubt, uns wie Wilde
zu benehmen und zu tun und zu lassen, was uns gefällt.
Wir haben vor
langer Zeit aufgehört, über Moral zu reden – wir leben eben nicht in
Finnland.
Dennoch wäre es
eine gute Frage: Welches Land würde es wagen, die ( sowieso schon
miserablen) Lebensbedingungen von Bewohnern eines unter seiner
Besatzung stehenden Gebietes noch zu verschlechtern? Was für eine
Sünde haben die 4000 glücklichen Leute aus Gaza begangen, denen es
bis jetzt noch erlaubt war, innerhalb Israels zu arbeiten und für
die nun die Tore geschlossen werden? Haben die Entscheidungsmacher
daran gedacht, wie diese unterdrückten Leute zusammengedrängt und
gedemütigt am Erez-Übergang erschöpft nach einem Arbeitstag nach
Hause kehren? Mehr als die Hälfte aller Palästinenser leben nach
dem letzten UN-Bericht (Dez.2005) schon in Armut. Im letzten Jahr
hatten schon 37 % Schwierigkeiten Lebensmittel zu kaufen und 54 %
der Bewohner des befreiten Gazastreifen kürzen die Lebensmittel, die
sie verbrauchen. Die Kindersterblichkeit stieg auf 15 % und der
Durchschnitt der Arbeitslosenrate liegt bei 28% ( ich meine bei
50-70% R)
Um in der
Westbank zu reisen, müssen Palästinenser 397 Checkpoints passieren
und nun will Israel zusätzlich eine noch härtere Hand führen.
Wenn es da ein
Hindernis gibt, so ist es nur der Zwang, das Image zu bewahren.
Israel fürchtet die Verbreitung des Hungers nur wegen der Reaktion
der Welt – nicht wegen der Brutalität, die damit verbunden ist.
Trotzdem konkurrieren die Politiker hier mit einer Reihe extremer
Vorschläge, einschließlich dem Abstellen des Stroms und des Wassers
und wollen Millionen von Unschuldigen sich selbst überlassen. Ist
das nun Wahlpropaganda? Ist es das, was der israelische Wähler
wünscht?
Was man von dort
sieht, ist wahrlich nicht das, was man von hier sieht: vom
piekfeinen Restaurant, wo Weissglas und seine Kollegen vom
Hamas-Team dinieren, vom raffinierten Straßensystem, auf dem sie in
ihren Dienstwagen entlang rasen, von den wunderbaren Konzerthallen
und den häufigen Reisen ins Ausland - kann man das Leiden nicht
sehen. Von dort ist es einfach, noch mehr Erlasse mit einem
Zungenschlag zu erteilen, ohne ihre entsetzlichen Auswirkungen in
den elenden Gassen Jenins und den ruinierten Hütten von Rafah zu
berücksichtigen. Von dort kann man dann sogar Witze ziehen.
(dt. Ellen Rohlfs)
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