Über das Hebroner Waisenhaus der Islamic Charity Solidarity – und seine
Schließung
Gideon
Levy , Haaretz, 15.3.08
Die Öfen
wurden nach unten in ein Versteck gebracht. Die beiden Brot- und
Kuchenbäckereien sind auf Militärbefehle schon geschlossen worden. Die IDF
konfiszierte die Öfen in einer der Bäckereien, aber in der anderen gelang es
den Angestellten, sie noch zu retten und zu verstecken. Der beliebte
Kleiderladen „Pretty Woman“ mitten in der belebten Einkaufstraße Hebrons und
sein Nachbar „Mama Care“, der Laden für Babykleidung, sind dabei,
geschlossen zu werden. Dasselbe trifft auch für den neuen und geräumigen
Supermarkt zu, und für das moderne Institut für Physiotherapie, den
Schönheitssalon, den Barbierladen und die Bücherei: alles auf Befehl des
GOC-Zentral-Kommandos. Die lokalen Lebensmittel- und Kleidungsläden wurden
letzte Woche von der IDF ausgeräumt – mit einem Inventarwert von NIS 750
000, der für das eindrucksvolle Waisenhaus der Islamischen Charitas
Solidarität bestimmt ist. Die Waren wurden auf LKWs geladen und konfisziert.
In dem gut
geführten Waisenhaus, das wir in dieser Woche besuchten, waren Hunderte von
Kindern gerade beim Mittagessen eines Reis-Linsen-Gerichtes und Yoghurt. Es
gab kein Fleisch, kein Hühnchen oder Fisch. Alles war ihnen weggenommen
worden. Die Tore der neuen Schule ICS – ein hübsches Steingebäude - für
1200 Schüler bestimmt, war von der IDF zugeschweißt worden.
Die Armee
hat im Zusammenhang mit dem Krieg gegen die Hamas, dem Krieg gegen Terror,
auch der Islamic Charity Solidarity ( ICS) den Krieg erklärt. Nachdem man
die Büros der Geldwechsler der Stadt vor einigen Wochen ausgeräumt hatte,
war das nächste strategische Ziel die privaten Bäckereien und Läden in der
Stadt, deren Besitzer zufällig ihre Geschäftsstandorte vom Besitzer der
ICS-Gebäude gemietet hatten: also von der Islamischen Charity Solidarity.
Wie jämmerlich ist eine Besatzungsarmee, die Warenhäuser für Lebensmittel
und Kleidung ausräumt, deren Erlös für Waisenkinder ist; wie absurd ist
der GOC-Central-Kommando-Generalmajor Gadi Shammi, der Schließungsbefehle
für Schönheitssalons und Kleiderläden unterschreibt; wie unmöglich ist die
Konfiszierung von Kühlschränken, in denen Lebensmittel für die Kinder
aufbewahrt werden; wie grausam ist ein Militärregime, das Büchereien
schließt, die von Jugendlichen benützt werden; wie lächerlich klingen die
Entschuldigungen, dass geschlossene Bäckereien dem Krieg gegen den Terror
nützen; wie töricht ist die Schlacht gegen Molkereien, deren Produkte für
diese Kinder gedacht sind; und wie schwierig muss die Situation der
israelischen Besatzung in den Gebieten sein, dass sie zu solch
verachtenswerten Aktivitäten greifen muss, um ihren Status zu erhalten.
Die
Islamische Charity-Solidarität (ICS) in Hebron war schon 1962 gegründet
worden, lange bevor die Hamas entstanden war und vor Beginn der
israelischen Besatzung. Seitdem hat
die Organisation ein weit verzweigtes Netzwerk von Bildungs- und
Wohlfahrtsinstitutionen aufgebaut und hat eine Reihe von Grundstücken
überall in der Stadt erworben , um Notleidenden beistehen zu können, vor
allem den örtlichen Waisenkindern und den Kindern der Armen.
Der Rechtsberater der Bewegung, Anwalt Abd
al-Karim Farah, -
jung und energisch in einem eleganten Anzug und einem gepflegten Bart -
zögert nicht, Frauen die Hand zu geben. Er lernt nun Hebräisch in einem
lokalen Ulpankurs. Er sagt, dass
in der Anfangszeit der Besatzung die
Militärverwaltung der Charity-Solidarity geholfen und sie in ihren
Aktivitäten ermutigt hat.
Er selbst sei ein Produkt
dieser Institution.
Heute
sorgt die ICS für 7000 Waisen und Kindern in Not aus Hebron und der
Umgebung. 350 Kinder sind im Internat der Schule, und 1200 Schüler besuchen
seine drei Stadtschulen; weitere 6 solcher Schulen gibt es in anderen
Städten. Die Kinder haben ein Elternteil oder beide
verloren oder kommen aus sehr armen Häusern …
Die Institutionen beschäftigen 550 Personen, denen von Hunderten von
Volontären geholfen wird. Ihr monatliches Gehalt beträgt 400 000 jordanische
Dinars, also über 2 Millionen NIS. Rechtsanwalt Farah sagt, alles würde
von Wirtschaftsprüfern der palästinensischen Behörde des Wohlfahrts- und
Bildungsministeriums überprüft. Auch die Curricula der Schulen der ICS.
Sie sind – nach Farah - mit denen der P.A. identisch. Er betont, dass
alles legal sei.
Der größte
Teil des Budget kommt von Spenden aus dem Ausland, aus arabischen Ländern,
von europäischen und amerikanischen Agenturen. Doch hat die
Wohltätigkeitsorganisation auch eine Anzahl unabhängiger Einkommensquellen :
von Gebäuden und modernen Handelszentren in ganz Hebron, die es besitzt und
an private Mieter und Geschäftsleute vermietet, zwei Bäckereien, einen
Näh-Workshop, eine Molkerei, deren Produkte für die Kinder der Institution
bestimmt sind, aber auch zum Verkauf im offenen Markt. Die Bewegung hat
einen Vorstand, der alle zwei Jahre neu gewählt wird und dem Dr. Adnan
Maswadi, ein HNO-Arzt, vorsteht. Er war kürzlich aus der Haft in
Israel entlassen worden und gezwungen worden, zurückzutreten. Etwa 30
zusätzliche Beschäftigte sind im Augenblick in Haft, da sie der
Organisation angehören.
(Bemerkung der Übersetzerin: die Verhafteten wurden wahrscheinlich gefoltert
und da mag der eine oder andere „zugegeben“ haben, dass Kontaket zu Hamas
bestehen oder vielleicht sogar, dass ICS die Hamas unterstützt)
„Ich
möchte betonen,“ sagt Farah,“ dass unsere Bewegung offiziell keine
Verbindung zur Hamas hat. Vielleicht gehören einzelne Mitarbeiter zu Hamas,
genau wie in jeder anderen Organisation, wie in den Gemeindeämtern – es gibt
aber keine offizielle Verbindung. Es wird auch kein Geld zu Hamas
überwiesen, wie Israel behauptet. Unsere Finanzberichte sind offen und
transparent. Wir gehören in keiner Weise zur Infrastruktur der
Hamas.“
Seit 2002
hat die IDF die Büros der Bewegung viele Male überfallen, hier einen
Computer konfisziert, dort Akten mitgenommen, Mitarbeiter zu Verhören
verhaftet, Schließungsorder ausgestellt. Aber was in den letzten Tagen
geschah, ist unerhört. Am 26. Februar führte die IDF eine Razzia durch und
stellte sieben Schließungsbefehle für Institute durch, die mit der
ICS-Bewegung verbunden sind. Letzten Freitag überfiel sie auch den 500qm
großen Lebensmittel- und Bekleidungsladen. Schließungsbefehle gibt es auch
für alle Geschäfte und Läden, die der Bewegung gehören.
RA Farah
sagt, er wäre glücklich, hätte die IDF die Schritte erklärt und gesagt ,was
der Organisation erlaubt bzw. verboten sei. Die Bewegung hat schon den
israelischen Anwalt Jawad Bulus genommen, der beim Staatsanwalt Berufung
eingelegt hat und der versucht, das üble Dekret aufheben zu lassen. Der
Mitarbeiter von B’tselem Musa Abu- Hashhash hat für die
Menschenrechtsorganisation einen Bericht geschrieben.
Mittlerweile machen wir mit Farah einen Gang durch Hebron, um die Folgen
des Krieges zu sehen, die das GOC –Central-Kommando gegen die Hamas geführt
hat.
Erster
Halt ist in der Mercy-Bäckerei, einem Laden … der Süßigkeiten herstellt. Ein
Papier erklärt: „Konfiszierungsorder und Schließung“. Es klebt am
Schaufenster auf Hebräisch und ist vom GOC-Shammi unterschrieben … Noch
werden Brötchen verkauft. Den Angestellten der Bäckerei wurde gesagt, dass
sie noch bis zum 1. April verkaufen dürfen, obwohl Shammis Order ab Februar
Gültigkeit hat – für drei Jahre. Wieso für drei Jahre? Vielleicht wird die
Bewegung bis dahin ihren Weg verändert haben? Drei Jahre Unterricht aber
ohne Lebensmittel. Um sicher zu gehen, nahmen die Bäcker die verbotenen Öfen
beizeiten weg. Zwei Säcke mit weißem Mehl, vom Welternährungsprogramm und
der EU blieben in den leeren Räumlichkeiten.
Dem
benachbarten Supermarkt fehlt es an nichts. Sein Besitzer hat die
Räumlichkeiten von der ICS gemietet und deshalb ist er dazu verurteilt,
seinen Laden zu schließen. „Konfiszierungsorder und Schließung. Ab 1. April
ist alle Tätigkeit mit der ganzen hier vorhandenen Einrichtung verboten. Der
Militärkommandeur wird feststellen, in wessen Besitz dies ist und besagte
Einrichtung mitnehmen.“ Alles in der gewöhnlich unklaren und absurden
Sprache des IDF.
Der
Besitzer des Supermarkts, Mujahid al-Atrash eröffnete seinen großen Laden
erst vor drei Monaten und investierte NIS 500 000 in ihn .“Hab ich nichts
dazu zu sagen?“ fragt er. Wohin soll ich gehen?“ Ein Gedi-Mineralwasser,
Tnuva –Saure Kreme , Büchsen mit Red Bull, Huggies Windeln, Haar- und
Körper-Shampoo, Osem Butterkekse, Strauß-Eiskrem. ..
Der Laden
nebenan, Aymans Barbierladen hatte an seinem Fenster auch eine
Schließungsorder …
Auf der
King-Faisal-Str – dem Gegenstück zur Dizengoff in Tel Aviv – waren die Läden
von „Pretty Woman“ und „Mama Care“ voll mit Kunden. Geräumige Läden, zwei
Stockwerke , Dutzende von Frauen, die alle ein Kopftuch tragen. Die
Besitzerin von „Pretty Woman“, Lina Karaki, eröffnete den Laden vor 9
Jahren. Sie investierte vor einem Jahr noch einmal NIS 1 Million, um ihn zu
erweitern und zu renovieren. Der Laden ist mit einem Marmorfußboden und
Kronleuchtern wirklich elegant. „Ich gehöre zu keiner Organisation oder
irgend einer Partei. Ich habe mit all dem nichts zu tun. Was ist an meinem
Laden illegal? Sie gaben uns einen Monat Zeit, um raus zu gehen. Wohin
sollen wir gehen? Das ist kein Straßenstand der innerhalb eines Monats
geschlossen werden kann.“, sagte Karaki.
Auf der
oberen Etage ist die Abteilung für Abendgarderobe, dass beste der Hebroner
Mode für 3000 NIS das Kleid. 18 Angestellte hat der Laden, die
wahrscheinlich ihren Lebensunterhalt verlieren. Der Winterschlussverkauf ist
voll im Gange, aber Karaki betont, dies hat nichts mit der Schließungsorder
zu tun. Es ist nur das Ende des Winters und der Beginn der Sommermode. Sie
hofft immer noch, dass der Erlass rückgängig gemacht wird.
Wir erreichen das Ende des Einkaufszentrums, über der der Schließungserlass
schwebt. Und was haben wir hier in der Hamasbastion? Einen Kosmetikladen,
zwei Kleiderläden. An der Zahnklinik von Dr. Rima Kawasmeh in der 2. Etage
klebt auch ein Schließungserlass, auch an der Tür des privaten
Physiotherapie- und Fitnesszentrums von Dr. Amaru… Auch er sagt: „ Ich
gehöre zu keiner Gruppe. Ich zahle nur Miete…“
Im
Stockwerk darüber ist das PR-Büro der ICS: die Räume sind abgesehen von zwei
Heizkörpern völlig ausgeräumt worden …Farah sagt, im IDF-Verbindungsbüro
müssten schon Container voll mit Materialien aus unserer Organisation
stehen. Seine öffentliche Jugendbücherei in der 3. Etage soll auch
geschlossen werden. Sie enthält 18 800 Bücher, katalogisiert und geordnet -
über Naturwissenschaften und Religion, plus Computer und sogar Tonbändern
zum Hebräisch-lernen. Alles wird bald auf Befehl hin geschlossen werden.
Der
IDF-Sprecher: „Während der letzten Wochen waren Kräfte der IDF, der Shin
Bet-Sicherheitsdienste und der Zivilen Verwaltung tätig geworden, um einen
Schlag gegen die ICS durchzuführen, die der Hamas-Terror-Organisation
angehört und dahin gehend arbeitet, diese Organisation zu unterstützen,
seine Ideen zu verbreiten und Aktivisten vorzubereiten und Geld für
terroristische Aktivitäten zu vermitteln.
Der
IDF-Sprecher: „ Die Hamas-Aktivität wird unter dem Deckmantel der
Unterstützung für die Bevölkerung und der Wohlfahrt ausgeführt, aber
tatsächlich ist das Ziel der Bewegung, die Macht und die Kontrolle der
Terrororganisation Hamas als ein Teil terroristischer Aktivitäten gegen den
Staat Israel zu erweitern und ein Versuch, seine Macht in Judäa und
Samaria zu vergrößern.
Die ICS in
Hebron hat Geld an Terroraktivisten und ihre Familien weitergegeben, junge
Leute im Geist des Jihad erzogen, Familien von Märtyrern und Gefangenen
unterstützt, und verbreitet Hamasprinzipien unter der palästinensischen
Bevölkerung….
Die IDF
wird weiterhin alle ihm zur Verfügung stehenden Mittel gegen die
Hamas-Terrororganisation und die, die ihr helfen, anwenden, um Sicherheit
für die Bürger Israels herzustellen.“
Das
Waisenhaus liegt in einer schönen Gegend an den westlichen Hängen der Stadt,
am Rande eines Weinberges. Alles ist ganz sauber und gut gepflegt - der
Speisesaal, die Badezimmer, die Toiletten, die Schlafzimmer und die
Klassenzimmer für 150 Kinder. Es ist kaum zu glauben, dass hier Dutzende von
Kindern in Not leben. Jetzt sind sie gerade im Hof und bereiten sich vor,
zum Mittagessen in den Speisesaal zu gehen. Die Disziplin ist streng und die
Ordnung beispielhaft …die Kinder sind gut gekleidet. In den Schlafräumen
hängen Bilder einheimischer Vögel an der Wand. Mohammed ist ohne Vater,
Mahmoud ohne Mutter. Alle Kinder , mit denen ich sprach, hatten einen sehr
ernsten Hintergrund.
Draußen
ist ein Garten mit schattigen Sitzplätzen, einem großen Sportplatz und
daneben eine Moschee. Im Schlafraum sind sechs Kinder zusammen. Jedes hat
ein Bettgestell aus Holz und eine geblümte Decke darüber. Jeder Wohnflügel
hat auch ein geräumiges Gästezimmer mit Sesseln und einem Fernseher,“ so
dass sich die Kinder wie zu Hause fühlen können.
Es ist
zweifelhaft, dass sie je unter solchen Bedingungen lebten . Es ist auch
zweifelhaft, ob sie weiter so leben können, wenn die IDF weiter konfisziert,
schließt und zerstört.
(dt. und
geringfügig gekürzt: Ellen Rohlfs)
|