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Die Kinder des Jahres 5767
( nach jüdischer Zählung)
Gideon Levy, Haaretz,
28.9.07
Es war
ein ziemlich ruhiges Jahr – relativ ruhig. Nur 457 Palästinenser und 10
Israelis wurden getötet – nach B’tselem, der Menschenrechtsorganisation,
einschließlich der Opfer der Qassamraketen. Weniger Todesfälle als in vielen
früheren Jahren. Trotzdem war es ein schreckliches Jahr: 92 palästinensische
Kinder wurden getötet (glücklicherweise wurde nicht ein einziges
israelisches Kind von Palästinensern getötet trotz der Qassams) Ein Fünftel
der getöteten Palästinenser waren Kinder und Jugendliche – eine
unverhältnismäßige, fast nie da gewesene hohe Zahl. Das war im jüdischen
Jahr 5767. Fast einhundert Kinder, die am vorigen Neujahrstag noch lebten
und spielten, überlebten nicht, um dieses neue Jahr zu erleben.
Ein
Jahr. Nahezu 8000km wurden in dem kleinen Rover der Zeitung (Haaretz)
gefahren, wobei die Hunderte von Kilometern im alten gelben Mercedestaxi -
das Munir und Said gehört und unsere engagierten Fahrer im Gazastreifen sind
- nicht mitgezählt wurden. So feierten wir den 40. Jahrestag der Besatzung.
Keiner kann behaupten, dass dies nur ein vorübergehendes Phänomen ist.
Israel ist die Besatzungsmacht. Die Besatzung ist Israel.
Jede
Woche gehen wir in den Fußstapfen der Kämpfer in die Westbank und in den
Gazastreifen und versuchen, die Taten der IDF-Soldaten, der Grenzpolizei,
des Shin Beth-Geheimdienstes und des Personals der Zivilverwaltung – also
der mächtigen Besatzungsarmee zu dokumentieren, die ein schreckliches Töten
und Zerstören zurücklässt, dieses Jahr genau wie in den vier vergangenen
Dekaden.
Und
dieses Jahr war das Jahr der Kinder, die getötet wurden. Wir gelangten nicht
zum Haus von einem jeden, sondern nur zu einigen; Häuser von trauernd
Hinterbliebenen, wo die Eltern bitterlich über ihre Kinder weinten, die
entweder auf einen Feigenbaum im Hof geklettert waren oder auf einer Bank
auf der Straße saßen, oder sich für ein Examen vorbereiteten, oder auf dem
Weg zur Schule waren oder friedlich schliefen – in der falschen Sicherheit
ihrer Wohnung.
Ein
paar von ihnen warfen Steine gegen ein gepanzertes Fahrzeug oder berührten
einen verbotenen Zaun. Alle kamen unter direkten Beschuss, einige wurden
gezielt beschossen und beendeten so ihr junges Leben. Von Mohammed (
al-Zakh) bis Mahmoud ( al-Qarinawi), vom Jungen , der im Gazastreifen 2 mal
beerdigt wurde bis zu dem Jungen, der in Israel beerdigt wurde. Hier sind
die Geschichten von den Kindern von 5767.
Das
erste wurde zweimal beerdigt. Abdullah al-Zakh identifizierte die halbe
Leiche seines Sohnes Mahmoud in der Leichenhalle des Shifa-Krankenhauses
in Gaza am Gürtel des Jungen und seinen Socken an den Füßen. Das war kurz
vor Rosh Hashana. Am nächsten Tag, als die IDF-Kräfte erfolgreich die sog.
„Operation geschlossener Kindergarten“ vollendet hatten, ließen sie 22 Tote
zurück und einen zerstörten Ortsteil und ließen Sajiyeh in Gaza den
trauernden Vater die restlichen Teile des Leichnams finden. Nun fand eine
2. Beerdigung statt.
Mahmoud
war 14 Jahre alt, als er starb. Er wurde 3 Tage vor Schulbeginn getötet. So
sind wir auf das Neujahrsfest Rosh Hashana 5767 zugegangen. In Shifa sahen
wir Kinder, deren Beine amputiert wurden, die gelähmt waren und am
Beatmungsgerät hingen. Familien wurden im Schlaf getötet oder während sie
auf Eseln ritten oder auf dem Feld arbeiteten. Die „Operation geschlossener
Kindergarten“ und „Operation Sommerregen“ – wer erinnert sich noch daran? -
Bei der ersten Operation mit dem schrecklichen Namen wurden 5 Kinder
getötet. Eine Woche lang lebte Sajiyeh in Ängsten wie die Kinder in Sderot,
es nie erlebten – wobei ich ihre Ängste nicht verniedlichen will. Diese
Ängste bestehen auch.
Am Tag
nach Rosh Hashana fuhren wir nach Rafah. Dam Hamad, 14, war im Schlaf
getötet worden, in den Armen ihrer Mutter – ein von Israelis verursachter
Steinschlag in Gestalt eines Betonpfeiler fiel krachend auf ihren Kopf. Sie
war die einzige Tochter ihrer gelähmten Mutter. Sie war das einzige, was die
Mutter hatte. Im armseligen Haus der Familie im Brazil-Stadtteil von Rafah
trafen wir die Mutter, die in einem Betthaufen lag, beraubt vom einzigen,
das sie auf dieser Welt besaß. Draußen bemerkte ich gegenüber dem mich
begleitenden Reporter vom französischen Fernsehen, dass dies einer der
Momente war, in dem ich mich als Israeli schämte. Am nächsten Tag rief er
mich an und sagte: „Das was Sie sagten, brachten sie im Fernsehen nicht, aus
Angst vor den jüdischen Zuschauern in Frankreich.“
Bald
danach fuhren wir nach Jerusalem zurück und besuchten Maria Aman, das
bezaubernde kleine Mädchen aus dem Gazastreifen , das bei einem falsch
gelaufenen Raketenbeschuss fast alle ihre Familienangehörigen verlor,
einschließlich der Mutter, als die Familie in einem Wagen fuhr. Ihr
hingebungsvoller Vater weicht nicht von ihrer Seite. Seit anderthalb Jahren
wird sie im wunderbaren Alyn-Krankenhaus gepflegt. Sie hat gelernt, einen
Papagei mit ihrem Mund zu füttern und mit ihrem Rollstuhl herumzufahren,
indem sie ihr Kinn bewegt. Alle ihre anderen Glieder sind gelähmt.Tag und
Nacht ist sie mit einem Beatmungsgerät verbunden. Noch ist sie ein
fröhliches, sauber gepflegtes Kind – nur ihr Vater fürchtet den Tag, an dem
sie in den Gazastreifen zurückgesandt werden.
Vorläufig bleiben sie in Israel. Viele Israels habe sich Maria angenommen
und kommen sie regelmäßig besuchen. Vor ein paar Wochen nahm sie die
Radio-Journalistin Leah Lior in ihrem Wagen mit, damit sie das Meer in Tel
Aviv sehen kann. Es war ein Samstagabend und der Strand war voller Leute --
das Mädchen im Rollstuhl zog die Aufmerksamkeit vieler auf sich. Einige
Leute erkannten sie und begrüßten sie und wünschten ihr alles Gute. Wer
weiß? Vielleicht war auch der Pilot dabei, der eine Rakete auf den Wagen
ihrer Familie warf, der zufällig gerade auch dort vorbeifuhr.
Nicht
jeder ist so glücklich gewesen, eine so gute Behandlung wie Maria zu
bekommen. Mitte November, ein paar Tage nach dem Bombardement in Beit Hanoun
– Erinnert sich jemand daran ? – kamen wir in die geschlagene und blutende
Stadt: 22 Leute waren in einem Augenblick getötet worden, 11 Granaten fielen
in eine dicht bevölkerte Stadt. Islam, 14, saß dort in schwarz und trauerte
über ihre acht Verwandten, die getötet worden waren, auch ihre Mutter und
Großmutter. Die von diesem Angriff nun Verletzten und Behinderten schafften
es nicht, ins Alyn –Krankenhaus zugelangen.
Zwei
Tage vor dem Bombardement auf Beit Hanoun feuerten unsere Kräfte eine Rakete
ab, die einen Minibus traf, der die Kinder des Indira-Ghandi-Kindergartens
in Beit Lahia traf. Zwei Kinder, ein Passant wurden auf der Stelle getötet.
Die Kindergärtnerin starb zwei Tage später. Sie war vor den Augen der 20
kleinen Kinder, die im Bus saßen, verwundet worden. Nach ihrem Tod malten
die Kinder ein Bild: eine Reihe blutender Kinder lagen auf dem Boden, vor
ihnen die Lehrerin, ein israelisches Flugzeug beschießt sie. Im Indira
Gandhi-Kindergarten mussten wir uns vom Gazastreifen verabschieden; denn
seitdem war es uns nicht mehr möglich gewesen, den Gazastreifen zu betreten.
Aber
die Kinder sind zu uns gekommen. Im November wurden 31 Kinder im
Gazastreifen getötet. Eines von ihnen Ayman al-Mahdi, starb im
Sheba-Medizinzentrum in Tel Hashomer, wohin in großer Eile gebracht worden
war, weil er in einem ernsten Zustand war. Nur seinem Onkel war es erlaubt,
während der letzten Tage bei ihm zu bleiben. Ayman, ein Fünftklässler, saß
mit Freunden auf einer Bank auf einer Straße in Jabalya, direkt neben seiner
Schule. Eine von einem Panzer abgefeuerte Kugel traf ihn. Er war gerade erst
10.
IDF-Soldaten töten auch Kinder in der Westbank. Jamil Jabaji, ein Junge, der
im Askar-Flüchtlingslager Pferde pflegte, wurde in den Kopf geschossen. Er
war 14, als er im Dezember getötet wurde. Er und seine Freunde warfen auf
gepanzerte Militärfahrzeuge, die am Lager in der Nähe von Nablus
vorbeifuhren , Steine. Der Fahrer provozierte die Kinder: einmal fuhr er
langsam, dann wieder schnell, und wieder langsam … schließlich stieg ein
Soldat aus, zielte auf den Kopf des Jungen und schoss. Jamils Pferde bleiben
seitdem im Stall da seine Familie nun nur noch trauern. Kann.
Und was
tat der 16Jährige Taha al-Jawi, um getötet zu werden? Die IDF behauptete,
dass er versucht habe, den Stacheldrahtzaun zu sabotieren, der rund um den
verlassenen Flughafen steht; seine Freunde sagten, er habe nur Fußball
gespielt und sei hinter dem Ball her gerannt. Egal wie die Umstände waren,
die Soldaten waren schnell und entschlossen und feuerten ihm eine Kugel ins
Bein. Er verblutete, als er im schlammigen Graben neben der Straße lag. Kein
Wort des Bedauerns, kein Wort der Verurteilung, als wir den IDF-Sprecher um
eine Erklärung baten. Scharfes Schießen auf unbewaffnete Kinder, die
niemanden gefährden – ohne vorher einen Warnschuss abgegeben zu haben.
Abir
Aramin war noch jünger, sie war gerade 11. Sie ist die Tochter eines
Aktivisten der Combattants for Peace (Friedenskämpfer)- Organisation. Im
Januar verließ sie das Schulegebäude in Anata und war auf dem Weg zu einem
kleinen Laden, um sich eine Süßigkeit zu kaufen. Man schoss von einem
Grenzpolizeiwagen aus auf sie. Bassam , ihr Vater, erzählte uns mit
blutunterlaufenen Augen und gebrochener Stimme: „Ich sagte zu mir selbst,
ich werde keine Rache nehmen. Rache ist für diesen „Helden“, der so sehr von
meiner Tochter bedroht war, dass er sie erschoss, dass er vor Gericht stehen
soll.“ Doch vor nur wenigen Tagen ließen die Behörden verlauten, dass der
Fall abgeschlossen sei: Die Grenzpolizei habe unpassend reagiert.
„Ich
werde nicht das Blut meiner Tochter zu politischen Zwecken ausnützen. Ich
werden nicht meinen Verstand verlieren, weil ich das Liebste verloren habe,“
sagt der trauernde Vater, der viele israelische Freunde hat, auch zu uns.
In
Nablus dokumentierten wir, wie Kinder als menschliche Schutzschilde
missbraucht wurden, die Anwendung der sog.“ Nachbar-Prozedur“. Es waren ein
11 jähriges Mädchen, ein 12 jähriger Junge und ein 15 jähriger Junge daran
beteiligt worden. Hatte der Oberste Gerichtshof dies nicht verboten? Wir
notierten auch die Geschichte vom Tod des Säuglings Khaled, dessen Eltern
Sana und Daoud Fakih, versuchten, ihn schnell mitten in der Nacht ins
Krankenhaus zu bringen – es ist eine Zeit, in der palästinensische Babys
nicht krank werden dürfen. Das Baby starb am Kontrollpunkt.
In Kafr
al-Shuhada (dem Märtyrerdorf) südlich von Jenin floh im März der 15 jährige
Ahmed Asasa vor Soldaten, die ins Dorf gekommen waren. Der Schuss eines
Scharfschützen traf ihn in den Nacken.
Bushra
Bargis hatte nicht einmal das Haus im Flüchtlingslager verlassen. Ende April
lernte sie am frühen Abend für eine Prüfung. Sie hatte ihr Buch in der Hand
und lief im Zimmer hin und her. Da schoss ihr ein Scharfschütze von ziemlich
weit weg mitten in die Stirn. Das Blut getränkte Buch ist ein Zeugnis für
ihre letzten Augenblicke.
Und wie
ist es mit den ungeborenen Kindern? Sie sind genau so wenig sicher. Eine
Kugel traf Maha Qatuni, eine Frau im siebten Monat schwanger, in den Rücken.
Sie war während der Nacht aufgestanden, um ihre Kinder zu Hause zu schützen.
Die Kugel traf das Ungeborene am Kopf. Die verletzte Mutter lag im Rafidiye
Krankenhaus in Nablus - an mehrere Schläuche angeschlossen. Sie wollte dem
Baby den Namen Daoud geben. Gilt es als Mord, wenn man einen Fötus tötet?
Und wie „alt“ war das Verstorbene?. Er war sicher der Jüngste der vielen
Kinder, die Israel im vergangenen Jahr tötete.
Ein
glückliches neues Jahr! ?????? (ER)
(dt.
Ellen Rohlfs)
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