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Bildung gibt's nicht
von Amira Hass
- 16.10.06, haaretz
Iyyad und Majdi, zwei elfjährige
Buben aus Nablus, könnten ihre
Freunde und Nachbarn beneiden,
deren öffentliche Schulen seit
dem 1.September streiken. Das
tun sie aber nicht. Iyyad
besucht eine Schule der UNRWA
(United Nations Relief and Work
Association), die
UN-Organisation, die für
Bildungs- und Gesundheitshilfe
für Flüchtlinge zuständig ist,
und Majdi besucht eine
kirchliche Privatschule.
Vielleicht sind sie sich der
weitreichenden Konsequenzen
nicht bewusst, die ein
zweimonatiger Unterrichtsverlust
für eine halbe Million Schüler
mit sich bringt, sie wissen aber
sehr gut, dass ihre Freunde und
Nachbarn vor Langeweile fast
umkommen.
Iyyads 14jährige Schwester
besucht die Oberstufe, und die
streikt. (UNRWA betreibt nur
Grundschulen.) Was tut sie also
den ganzen Tag? "Nichts",
antwortet sie. "Ich seh ein
bisschen fern, lese ein
bisschen, und übe ein bisschen
Karate." ("Sie hat einen Braunen
Gürtel", berichtet ihr Vater
stolz.) "Meistens langweile ich
mich", meint sie, "und ich helfe
der Mutter im Haushalt."
Ihre Mutter Nahed ist eine der
streikenden Lehrer. Sie ist sich
der Gefahren des Streiks für
Schüler und Lehrer sicher
bewusst. Sie befürwortet den
Streik jedenfalls, und weist
Behauptungen der Hamas zurück,
der Streik wäre von Fatah aus
politischen Motiven ausgerufen
worden. Sie selbst hat Fatah nie
unterstützt.
Das Lehrerkomitee hat am
21.August 2006 den Streik an
allen öffentlichen Schulen in
der Westbank und im Gazastreifen
ausgerufen. Dieses Komitee
blickt auf eine Reihe von
beeindruckenden
Meinungsverschiedenheiten mit
der Regierung Arafat hinter
sich. Es wurde 2000 gegründet,
auf dem Höhepunkt eines
außergewöhnlichen Kampfes um
Lohnerhöhung und die Gründung
einer unabhängigen
Lehrer-Gewerkschaft (anstelle
einer unter Arafats Ja-Sagern,
politischen Postenträgern und
Bildungsministeriumsangestellten).
Im Lauf des zwei Jahre langen
Kampfes taten Arafat und die
Sicherheitsorganisationen alles,
um den Protest zu entkräften:
Die leitenden Persönlichkeiten
wurden verhaftet, Protestierende
wurden geschlagen und bedroht.
Die populäre demokratische
Unterstützung für die Lehrer
und ihre Forderungen aber
überwand sogar die Behauptung,
die Köpfe des Komitees seien
"Kollaborateure". Das
Lehrerkomitee wurde als
vorläufige Vertretung der Lehrer
an öffentlichen Schulen
anerkannt, bis zur Wahl einer
unabhängigen Gewerkschaft. Das
Komitee beschloss auch, während
des Schuljahres 2001/02
Sanktionen zu verhängen, falls
die Lohnforderungen unbeachtet
blieben, dann aber brach die
zweite Intifada aus und alle
Pläne wurden verschoben.
Vier der 17 Mitglieder des
Komitees gehören der Hamas an.
Sie beschlossen mit den anderen,
im Protest gegen das
Nicht-Zahlen der Lehrer-Gehälter
seit April 2006 zu streiken. Das
Komitee weist die Verantwortung
für die Situation und ihre
Lösung dem Vorsitzenden der
Palästinensischen
Autonomiebehörde Mahmoud Abbas
und der Regierung unter
Premierminister Ismail Haniyeh
zu.
"Sie hätten sich wenigstens um
die Begleichung unser
Transportkosten kümmern können",
sagt Nahed. Sie unterrichtet an
einer Schule südlich der
Hawara-Straßensperre. Sie
verschwendet täglich eine
Stunde, um die 50 Meter
Straßensperre zu überwinden. So
kurz, und doch so lang.
Engagement für den Beruf
Nahed bewies in den vergangenen
sechs Jahren, ebenso wie ihre
zig-tausend Kollegen, wie sehr
sie sich für ihre Arbeit
engagiert. Viele Monate lang,
als die israelische Armee die
Ausgänge aus der Stadt Nablus
fast hermetisch schloss, kam sie
über Umgehungs- und Schleichwege
zur Schule, wohl wissend, dass
sie sich so dem Gewehrfeuer der
Soldaten ausliefert. Als die
israelische Armee eine
Ausgangssperre von mehreren
Monaten über Nablus verhängte,
waren es die Lehrer und die
Schüler, die sie missachteten,
indem sie Nachbarschafts-Klassen
einrichteten. In der nächsten
Stufe wurden Lehrer und Schüler
trotz Ausgangssperre zur Schule
geschickt.
Nahed hat all das ausgehalten –
die furchterregenden Panzer in
den Straßen, die Schusswechsel
über den Köpfen, den Verlust
wertvoller Zeit, emotionelle und
körperliche Anstrengung – aber
ohne Gehalt kann sie sich
einfach nicht leisten, 13 Neue
Israelische Schekel zu bezahlen:
2 Schekel von zu Hause ins
Stadtzentrum, 2,50 Schekel vom
Zentrum zur Hawara-Straßensperre,
weitere 2 Schekel von Hawara zur
Schule, und wieder zurück.
Naheds älteste Tochter geht in
die zwölfte Klasse, und ihr
Schuldirektor beschloss, dass
die Lehrer diejenigen Schüler
unterrichten, die dieses
Schuljahr ihre Abschlussprüfung
[Abitur] ablegen. An anderen
Schulen wird jeden Vormittag
zwei Stunden unterrichtet. In
Gaza – wo 50 % der Schüler
sowieso UNRWA-Schulen besuchen –
wurde der Streik Mitte September
für einen Monat ausgesetzt. In
der Westbank schulen einige
Eltern ihre Kinder um, in
private oder UNRWA- Schulen. Die
Ehefrau von Nasser Al-Shaher,
dem palästinensischen
Erziehungs-Minister und
stellvertretenden
Premierminister, nahm eines
ihrer Kinder aus einer
öffentlichen Schule, und
schickte es in eine
Privatschule, während ihr Mann
inhaftiert war.
Europäischer Standard
Al-Shaer war vor zwei Monaten
von der israelischen Armee
verhaftet worden, mit ihm viel
Mitglieder des palästinensischen
Parlaments und des Kabinetts. Er
wurde vor knapp einem Monat
entlassen, nach 42 Tagen der
Befragung, "die sich
hauptsächlich auf politische
Diskussion konzentrierte".
Während all dieser Tage war er
in einer Zelle ohne Fenster
untergebracht, ohne Radio,
Fernsehen, Zeitungen. "Ich
musste um eine Zahnbürste
verhandeln", sagt er. Die
Untersucher und die
Staatsanwaltschaft kamen zu dem
Schluss, es gäbe keine
Anhaltspunkte, ihn wegen
Verwicklung in terroristische
Aktivitäten anzuklagen.
"Ich bin ein Islamist, richtig,
aber ich bin kein Mitglied der
Hamas, und bin es nie gewesen",
sagt er. Haniyeh hat er nie
persönlich getroffen, er hat mit
ihm nur telefonisch
kommuniziert.
Al-Shaer sitzt in seiner Wohnung
und arbeitet mit einigen höheren
Ministerialbeamten. Da er
Nablus, seinen Hauptwohnsitz,
nicht verlassen kann, hat er die
Mitglieder des Lehrerkomitees,
das seinen Sitz in Ramallah hat,
noch nicht getroffen. Al-Shaer
hat in Britannien sein Studium
der Religionswissenschaften mit
einem Doktorat abgeschlossen. Er
möchte das palästinensische
Bildungssystem nach europäischen
Standards entwickeln und
fördern. Er berichtet von
Ländern, die dem
palästinensischen Bildungssystem
weiterhin Entwicklungsgelder
zukommen ließen, aufgrund von
Verträgen vor der
Legislaturperiode der
Hamas-Regierung, aber solange
Israel wie in den vergangenen
acht Monaten fortfährt, die
Auszahlung der Steuereinkommen
und Zollgelder der
palästinensischen
Autonomiebehörde zu blockieren
(bis jetzt etwa 1,5 Milliarden),
kann die Regierung keine
Gehälter zahlen.
Er versteht die Situation der
streikenden Lehrer, meint aber,
und er drückt sich vorsichtig
aus, die Lehrer hätten kein
Recht, den Schülern solch einen
Schaden zuzufügen. "Es steht
nicht in unserer Macht, sie zur
Rückkehr zum Unterricht zu
zwingen", sagt er ganz ehrlich.
"Wir haben nicht die Macht, und
wir wollen nicht." Al-Shaer ist
bereit, dem Streik "Elemente
parteipolitischer Ausnützung"
zuzuschreiben, er ist aber
überzeugt, dass der Streik ohne
Gehälter nicht enden wird, und
dass die Gehälter nicht kommen,
wenn Israel nicht unter Druck
gesetzt wird, die Belagerung der
Palästinenser und das
Zurückhalten ihrer Gelder zu
beenden.
Er weist auch Behauptungen
zurück, die Hamas-Regierung habe
indirekte Wege, ihre eigenen
Leute zu bezahlen. "Jeder
Scheck, den ich unterschreibe,
wird vom Finanzministerium und
vom Büro Abbas' kontrolliert."
Omar Assaf war einer der
führenden Persönlichkeiten im
Kampf der Lehrer Ende der 90er
Jahre. Er saß mehrere Monate im
Gefängnis und verlor wegen
seiner Aktivitäten seinen
Arbeitsplatz an einer
öffentlichen Schule. Es tut ihm
leid, dass die Repräsentanten
der Hamas im Lehrerkomitee ihre
Unterstützung für den Streik
zurückgezogen haben. Seiner
Meinung nach hätten sowohl Abbas
als auch Haniyeh mehr
Kreativität an den Tag legen
können: Sie hätten dafür sorgen
können, dass die Transportkosten
der Lehrer gedeckt würden, oder
wenigstens einen Teil der
Gehälter ausgezahlt würde.
"Jetzt versucht das
Lehrerkomitee, kreative Lösungen
zu finden", sagt er. "Zum
Beispiel, den Streik nicht für
beendet erklären, aber die
Arbeit als Volontäre wieder
aufnehmen, aus Sorge um die
Zukunft der Kinder."
(dt.Weichenhan-Mer
G.) |