|
Gazaer wurden während der Operation Cast Lead in
einer großen Grube festgehalten
Amira Hass
Vierzig Palästinenser vom Gazastreifen wurden
während der Operation Cast Lead zu Beginn dieses
Jahres verhaftet, und 21 sind noch immer im
Gefängnis. Das ist eine sehr kleine Zahl verglichen
mit den vielen Hunderten, die die IDF verhaftet hat
und verglichen mit den Hunderten, die zum Verhör in
die verschiedenen Haftzentren in Israel gebracht
wurden, bevor sie entlassen wurden.
Samir al-Attar, 38, ist einer der 40; sein ältester
Sohn 13, verbrachte mit ihm zusammen drei Tage im
provisorischen Gefängnis. Der Vater wurde dann auf
einen Anhänger gepackt und der Sohn entlassen. „Ist
der Junge noch immer von der Verhaftung
traumatisiert?“ Wurde der Vater in dieser Woche
telefonisch angefragt. „Es geht“, antwortete er,
„Was Hussein danach sah, als er entlassen wurde,
ließ ihn die Tortur der Verhaftung vergessen.“
Getrennt von seinem Vater, versuchte der Junge, nach
Hause zu gehen. Ihr Stadtteil war leer, viele Häuser
waren zerstört worden oder von Kugeln durchlöchert
und die Felder, Haine und Gewächshäuser dem Erdboden
gleich gemacht. Der Lärm des Beschusses begleitete
Hussein die ganze Zeit, ein israelischer
Scharfschütze konnte hinter jedem Fenster lauern.
„Der Junge erreichte unser Haus. Alle
Fensterscheiben waren geborsten. Er fand niemanden
und er dachte schon, sie seien alle getötet worden –
seine Mutter, seine Großmutter und seine fünf
Geschwister,“ erzählt Samir.
Voller Angst und tatsächlich allein wanderte der
Junge ziellos durch eine Geisterstadt bis er am
nächsten Tag zufällig einen Verwandten traf, der ihn
vier Kilometer zu Fuß zu einer Schule führte, in der
seine Familie Unterschlupf gefunden hatte. „Diese
Angst lässt ihn noch immer nicht los,“ sagt sein
Vater.
Die Massenverhaftungen wurden nicht zum Hauptthema
bei den Gesprächen im Gazastreifen: Ungewissheit
über das Schicksal von Angehörigen und das Ausmaß
des Mordens und der Zerstörung überschattet die
Erfahrung, verhaftet gewesen zu sein.
Samir selbst wurde erst nach zwei und einen halben
Monat Haft entlassen. Ein Bauer, der, bevor er
verhaftet wurde, sein Einkommen als Fahrer für Kamal
Shrafi, den Menschenrechtsberater (und früheres
Mitglied des palästinensischen Legislativrates) von
Präsident Abbas, aufgebessert hatte.
Am Montag, den 5.Januar hatten israelische Soldaten
schon damit begonnen, direkt auf Samirs Haus zu
schießen und nicht nur rund herum. Er und seine
Familie flohen. Seine Frau winkte mit einem weißen
Tuch. Er hielt die beiden Söhne, 5 und 7 in den
Armen. Er entdeckte etwa 50 Soldaten vor dem Hause .
Die Soldaten befahlen uns, die Hände hochzuhalten.
Sie schossen dann zwischen unsere Beine, sagte
Al-Attar am Telefon, dann durchsuchte ihn einer und
legte ihm und Hussein Handschellen um. Beiden wurden
die Augen verbunden und beide wurden zu einem
benachbarten Haus gebracht mit 10 anderen
Verhafteten. Die Soldaten behandelten uns in diesem
Haus gut, gaben uns aber nichts zu essen und kein
Wasser zum Trinken und ließen uns nur einmal zur
Toilette gehen,“ legte er in einer eidesstattlichen
Erklärung nieder, die er am 14. Januar in Ketziot
dem Anwalt Maher Talhami vom Public Committee gegen
Folter in Israel (PCAT) vorlegte.
Um 5 Uhr nachmittags wurden die beiden zu Fuß mit
verbundenen Augen und aneinander gebunden zu einem
Gebiet geführt, wo die IDF Panzer und Bulldozer
zusammengezogen hatte. Dies wird im Militärjargon
als „Verteidigungszone“ – und als „jora“ (Grube) von
den Bewohnern und ein „dugout“ (Wohnhöhle )von der
PCAT bezeichnet. Es war ein von Menschen gegrabener
Krater von etwa 2 Dunum (2000 m2), 2-3 Meter tief
und von Sandhügeln umgeben, die 3 Meter hoch sind
und die beim Ausheben der Grube entstanden. Sie sind
höher als die Bulldozer“, sagte Attar am Mittwoch.
Bis vor kurzem war dieses Stück Land ein
Gemüsegarten.
Es begann, dunkel zu werden, aber es gab ein kleines
Licht von den Panzerscheinwerfern. „Die Panzer
schossen Granaten nach Beit Lahiya“, schrieb
Al-Attar in seiner eidesstattlichen Erklärung. Auf
Befehl der Soldaten stiegen die Gefangenen
vorsichtig hinunter und hielten dabei einander fest,
denn die Augen waren noch immer verbunden. In der
Grube wurden er und sein Sohn getrennt und jeder
erhielt eine eigene Handschelle. Es waren schon
andere Verhaftete in der Grube und während der
nächsten Tage kamen noch mehr dazu. Als seine Gruppe
ankam, umgaben die Soldaten sie mit einem
ausziehbaren Drahtzaun.
„Erst am Dienstagmorgen gaben sie je zwei eine
einzige Decke gegen die bittere Kälte,“ erzählte
Al-Attar Talhami, „wir waren während der ganzen
Periode gefesselt und saßen im Sand (…) Die Soldaten
gaben uns ein oder zwei mal am Tag etwas zu essen –
Pitabrot und Mortadellawurst. Wir baten um Wasser
und manchmal brachten sie nach langer Zeit etwas.
(„In fünf Minuten, sagten sie, und brachten nach
zwei-drei Stunden etwas Wasser“) Es gab keine
Toiletten und auch kein Toilettenpapier) Wenn jemand
es nicht länger halten konnte, ging er etwas abseits
und erleichterte sich. Und wenn Leute beten wollten,
so gingen sie auch etwas zur Seite, aber - so sagte
Al-Attar – keiner wagte, sich vor den Soldaten
hinzuknien. Die Angst war zu groß. Die Soldaten auf
der anderen Seite des Zaunes, wo auch Hunde waren,
schrien die Verhafteten an, sie sollten den Mund
halten, wenn sie sie reden hörten.
Al-Attar: „Die Panzer waren nur 10m von uns entfernt
und sie schossen Tag und Nacht. Selbst wenn wir
gewollt hätten, so hätten wir wegen des Lärms, der
Kälte und aus Angst nicht schlafen können. Ich nahm
Hussein in die Arme und sagte ihm, er solle keine
Angst haben. Dies wird in ein bis zwei Tagen vorbei
sein. Aber innerlich war ich schrecklich in Sorge.
Es waren sogar vier Frauen und zehn Kinder unter 14
unter uns. Auch sie waren in Handschellen und ihre
Augen verbunden.
‚Klare Vorschriften’
Etwa 30 Verhaftete, die mit einer anderen Gruppe am
selben Montagnachmittag kamen, wurden auf einen LKW
gepackt. H.A., 26, hat gegenüber Talhami in einer
eidesstattlichen Erklärung angegeben: „ es war sehr
kalt und wir wurden gezwungen, auf dem LKW zu
schlafen. Meine Hände waren in einer Handschelle und
meine Augen verbunden. Die Soldaten verteilten ein
paar Decken aber nicht genug … wir wurden bis zum
nächsten Nachmittag auf dem LKW festgehalten, Wer
sich erleichtern musste, tat es über den Rand des
LKW …
H.E. 23 und F.R. berichteten Ähnliches …
Die Verhöre wurden in anderen Haftzentren außerhalb
Gazas unter gleich schwierigen Bedingungen
durchgeführt. Am 8. Januar, noch bevor sie im Besitz
aller Unterlagen über die Einzelheiten der
Haftbedingungen waren, haben Vertreter von
Menschenrechtsorganisationen in Israel an den
Militärischen Hauptanwalt Avichai Mandelblit
geschrieben und ihn daran erinnert, dass es die
Verpflichtung der IDF sei, die Rechte der
Verhafteten einzuhalten. Er antwortete am 18.
Januar: „Diese Verhaftungen werden in
Übereinstimmung mit klaren Vorschriften gemacht, an
die sich unsere Militärkräfte halten, um so die Ehre
und Gesundheit der Verhafteten zu bewahren und um
sie in ordnungsgemäßen Zustand zu halten. Diese
Vorschriften wurden in einer Art ausgearbeitet, die
mit Israels Verpflichtungen gegenüber den Gesetzen
der Kriegsführung übereinstimmen“ ….
Die IDF antwortete nicht auf die Frage, wie viele
Palästinenser im Gazastreifen verhaftet wurden und
wie viele nach Israel transferiert wurden.
(dt. Ellen Rohlfs)
|