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Geisterstadt: Hebron
Gideon Levy 1.3.11
Der Himmel dunkelte, der Wind
heulte und schwerer Regen fiel. Drei Leute gingen in
einer verlassenen Straße entlang: zwei schwer
bewaffnete Soldaten und zwischen sich einen jungen
Palästinenser, die Augen verbunden, die Hände auf
dem Rücken gefesselt. Ohne ein Wort schoben sie den
Jungen in einen Militärwagen und verschwanden die
Gasse hinunter. Was hatte der Palästinenser getan?
Was hat er Übles getan? Wir werden es nie erfahren.
Er wurde geschnappt und verschwand.
Nicht weit von hier entluden
Palästinenser einen LKW mit Lebensmittel, ein
Geschenk des Roten Halbmonds für die Tausenden armer
Familien hier. Bald werden die Kinder der Armen
erscheinen und Reis, Nudeln, Mehl, Zucker, Öl auf
ihren Karren laden und dies nach Hause fahren. Der
Sprecher vom Roten Kreuz in Israel, Ran Goldstein
sagt, dass über 78% der Bewohner dieses Stadtteils
unter der Armutslinie leben. Es ist ein
katastrophales Gebiet.
Mit Stock und Rucksack fuhren
wir an einem regnerischen Wintertag für einen
privaten Ausflug zum Grab der Patriarchen und
folgten dem Bildungsminister, der die israelischen
Schulkinder ermutigt, einen Schulausflug an die
Heilige Stätte zu machen. Heilig, na sicher. Woher
sollen wir das wissen? Am Eingang zur Heiligen
Höhle lasen wir: Wenn deine Handybatterie leer ist,
dann gibt es ein großzügiges Aufladegerät in der
Yeshiva in Yeshanei Hevron“. Großzügige
Aufladestationen nur in Israel, nur in Hebron?
Wann warst du das letzte Mal
hier? Wann waren deine Kinder hier? Dank Gideon
Sa’ar, der gerade sein linkes Image im Likud Central
Komitee korrigiert hat, werden sie bald hier sein.
Hier geht aller Voraussicht nach ihr nächster
Schulausflug hin
Man fährt durch das Tal von Elah
oder durch die Tunnelstraße zur
Gush-Etzion-Block-Kreuzung. Sieh nach rechts und
nach links: über all sind Siedlungen; fahre die
Straße entlang, die einmal ein üppiger
palästinensischer Weinberg war – das sollte man den
Schülern erzählen. Und dann geht es rechts auf der
Straße 60 nach Kiryat Arba .
Am Checkpoint: Eintritt nur für
Juden und natürlich auch für die Palästinenser, die
dort an der Verbreiterung der Straße zu dem Ort
arbeiten, den Yigal Allon gründete, ein Mann der
Labor, der Linken und der Friedensbewegung
angehörte. Der Ort wurde von all seinen Nachfolgern
entwickelt von Labor und Likud. Mehr als einmal
wurde ich hier gefragt: „Alle Passagiere sind doch
Juden?“ Das ist eine Frage, die eure Kinder gern
hören; ob sie über ihre Bedeutung nachdenken? Wir
werden die große Siedlung vom Osten zum Westen
durchfahren, noch einen Checkpoint passieren und
dann rechts die Straße hinunter.
Das Bild ändert sich von einem
Moment zum anderen. Die (relativ) gut gepflegten
Straßen und relativ lebendigen Straßen verwandeln
sich auf einmal in Geisterstraßen. Je tiefer wir
kommen um so verlassener sehen sie aus . Hunderte
von verschlossenen, versiegelten Läden, Hunderte von
verlassenen Wohnungen mit geschlossenen
Fensterläden, alte Steinhäuser, die
palästinensisches Erbe, aber nun verlassen sind.
Willkommen in Hebron 2, unter israelischer
Kontrolle, der Weg zu den Gräbern der Patriarchen.
Das Gefühl eines großen Friedhofes hat man hier, ein
Friedhof von Besitz, der geplündert wurde und auf
dessen Rechte herumgetrampelt wurde. Willkommen auf
der Bühne des Verbrechens.
Die Kinder sollten aus dem
Fenster schauen. Es könnte sein, dass eines den Mut
hat, den Lehrer zu fragen: wo denn die Leute hier
sind? Wo sind die Ladenbesitzer? Warum sind sie
weggelaufen? Wer hat ihnen Angst gemacht? Wo sind
sie jetztß Aber die Schüler werden wahrscheinlich so
sehr mit ihren eigenen Interessen beschäftigt sein
– und kein Lehrer wird ihnen sagen, was hier los
war, um ihre zarten Seelen zu schonen.
Vielleicht möchte man wissen,
dass 2007 die Menschenrechtsorganisation B’tselem
1014 verlassene Wohnungen und 1829 verschlossene
Läden in einem Viertel mit Tausenden Besitzern
zählte, die von aufsässigen Siedlern und endlosen
Ausgangssperren terrorisiert wurden - 377 Tage mit
voller Ausgangssperre während der drei Jahre der 2.
Intifada, 182 Tage hintereinander. Einer der Schüler
möchte vielleicht wissen, was Curfew/
Ausgangssperre bedeutet. Das heißt, bei Tag und
Nacht zu Hause eingesperrt zu sein. Gilt das für
jeden in diesem Stadtteil? Nein, lieber Schüler, nur
für die palästinensischen Bewohner.
Ist das nicht Apartheid ?
Natürlich ist das Apartheid. Und dies monströse
Phänomen ist noch nicht alles: nur jüdische
Fahrzeuge dürfen in diesem Stadtteil fahren. Seit
Jahren sind hier keine palästinensischen Fahrzeuge
gefahren, nicht einmal zum Transport einer alten
kranken Frau oder zum Transport eines kaputten
Kühlschrankes. Nur zu Fuß. Zu Fuß. Palästinenser
dürfen nicht einmal auf der angrenzenden Shuhada
Straße gehen, für die die Amerikaner eine Menge Geld
spendeten, um das Straßenpflaster zu erneuen.
Natürlich nur für Juden.
Und vielleicht mag ein Schüler
fragen, wie kommen denn die Leute nach Hause? Sie
klettern über die Dächer und zurück. Aber mach dir
deshalb keine Sorgen – die meisten sind längst
geflohen.
Noch ein Kontrollpunkt der
Grenzpolizei und wir haben unser Ziel erreicht. Das
Grab des Patriarchen ist ein außergewöhnlicher
herodianischer Bau mit einer zerfetzten israelischen
Flagge, die vorne im leichten Wind weht. . Wir gehen
Steinstufen hinauf, werden von einem Metalldetektor
kontrolliert und betreten den heiligen Tempel. Kurz
bevor man eintritt, wirft man noch von der hohen
Plattform einen Blick auf den trostlosen
Stadtteil, der da unten liegt. Ihr (Schüler) seid
noch jung, ihr könnt euch nicht daran erinnern, was
für ein Leben auf diesem Platz im Stadtzentrum
herrschte, wie lebendig der Markt einmal war.
Eingemummte Soldaten stehen in
der Kälte an jeder Ecke, Die Siedler rasen mit ihre
Wagen vorbei, und nur eine Handvoll Palästinenser
passiert mit unergründlichen Gesichtern die
Checkpoints, um schnell nach Hause oder raus aus
dieser Hölle zu kommen. Gott sei Dank dass heut
kein jüdischer Feiertag oder ein Versammlungstag
ist, drum können sie sich bewegen. Versuche hier mal
an Purim oder Pesach einen Besuch zu machen – dann
ist Ausgangssperre. Wenn du erwachsen bist und
Soldat wirst, wirst du hier vielleicht Deinen Dienst
tun. Du wirst nicht ruhen. Wächter Israels, und
diese Siedler schützen.
Ein Arbeiter aus dem Stamm der
Menasche von der burmesischen Grenze, sammelt am
Eingang Zigarettenstummel auf. Irgendjemand hat
entschieden, dass er Jude sei, also ist er hier. Am
Eingang zur Höhle erhält ein Dutzend alter Männer
von einem Rabbiner eine Gemara Lektion …
Auf einem Pamphlet, das man am
Eingang erhält, erfährt man etwas darüber, wie das
geistliche jüdische Leben hier blüht. Eine Gruppe
Siedlerkinder sitzen in einer langen Reihe auf
Plastikstühlen und rezitieren eine Passage aus dem
Megilla-Traktat … sie tragen alle lange Seitenlocken
und große weiße Kipas …
Bei einer Gelegenheit, als ich
mit Yehuda Shaul, einem praktizierenden Juden von
„Das Schweigen brechen“ hier vorbeikam, schrie eine
Gruppe, die solche Touren organisieren „Yehudsa
Saul, der Mörder, wir lassen ihn nicht siegen. ….“
„Guten Morgen, ich bin euer
Führer heute hier“. Eine Gruppe Soldaten kommt
herein, Samsons Füchse, mit purpurnen Kappen. Sie
dienen nun in den südlichen Hebroner Bergen und
haben heute einen „Bildungstag“ als Gäste der
Siedler. Nicht nur Gideon Sa’ar – und seine
Schulkinder – besuchen die Höhle, sondern auch die
IDF. Warum sollen sie einen zusätzlichen Bildungstag
von den Siedlern bekommen und nicht von denen, die
„Das Schweigen brechen“ ?
Genau vor 17 Jahren fand in der
nahen Isaak-Halle – damals noch Abrahamsmoschee -
das Goldstone -Massaker statt (( mit 29 betenden
Muslimen)) Aber das wird nicht in den Bildungstag
eingeschlossen (( weder bei den Schülern noch bei
den Soldaten)) …..
In der Zwischenzeit hört man den
Ruf des Muezzin, eines der letzten Anzeichen der
verschwindenden palästinensischen und muslimischen
Präsenz. Seine dröhnende von Lautsprechern
getragene Stimme dringt bis in die Höhle,
unterdrückt für einen Moment die Ausführungen des
Rabbiners und das Singen der Kinder und die Stimme
eines Führers.
Als ich im letzten Sommer das
letzte Mal hier war, begleitete ich den
Literaturnobel-preisträger von 2010 Mario Vargas
Ljosa, der angesichts der Geisterstadt und seiner
grausamen Herren zu mir sagte: „Dies ist die andere
Seite Israels, und es ist sehr traurig, dass so
wenige Israelis hierher kommen. Sie wissen nicht,
was hier los ist. . Es ist so nah an Jerusalem, und
sie haben nicht die leiseste Idee von dem, was hier
geschieht. Es würde sehr viel helfen.“ Seine Worte
klangen in meinen Ohren nach wie laute Glocken, als
ich sah, wie die Soldaten in der Siedlung Avraham
Avinu verschwanden, deren Wände voll hasserfüllter
Graffiti gegen die Araber sind, von denen die
meisten nicht mehr hier leben.
(dt. und gekürzt:
Ellen Rohlfs )
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