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Die israelische Linke
sollte aufwachen, bevor es zu spät ist.
Gideon
Levy, Haaretz
Wenn man sieht, wie die
Rechten arbeiten, wird man vor Neid ganz grün und
möchte von ihnen lernen. 400 kriminelle Fälle wurden
gegen Opponenten des Gazastreifen-Siedlerauszugs
(2005) eröffnet: gegen Leute, die mit Öl, Säure,
Abfall und Steinen gegen Soldaten und die Polizei
warfen . Ihre Akten wurden letzte Woche geschlossen
und ihre Straftaten gelöscht. 51 Knessetmitglieder
stimmten für das Schließen ihrer Akten, neun
dagegen. Das ist die wahre Karte von Israels
Politik (und Gesellschaft) Nur etwa 7% der
Gesetzgeber glaubten, dass dies eine wertlose und
gefährliche Entscheidung war. Der ganze Rest war
damit einverstanden, befasste sich nicht mit dem
Abstimmen und hatte kein Interesse.
Es hat auch keiner
daran gedacht, eine ähnliche Regelung gegenüber den
800 Demonstranten anzuwenden, die gegen die
Operation „Cast Lead“ protestierten und die
verhaftet und angeklagt wurden, vielleicht weil sie
Araber waren. Auch nicht gegenüber den Dutzenden
Verhafteten, weil sie in Ost-Jerusalems Stadtteil
Sheikh Jarrah protestierten, vielleicht weil es
Linke waren. Die linken Demonstranten handeln nie so
gewalttätig wie die Siedler, aber keiner denkt
daran, ihnen zu verzeihen. Nicht die Spur von
Gleichheit vor dem Gesetz, nicht die Spur von
Gerechtigkeit für alle – das ist unnötig an einem
Ort, wo öffentliche Scham nicht mehr existiert.
Diese skandalöse
Entscheidung kam nicht aus dem Nichts. Es ist die
Frucht einer Kampagne von Druck und Flehen, Schikane
und Erpressung. Von jetzt an werden die Siedler und
die israelische Gesellschaft wissen, dass sie sich
so wild benehmen können, wie sie wollen. Selbst wenn
sie jemand anzuklagen versucht; ein anderer wird
wissen, wie man ihn aus der Anklage und vor Strafen
schützen kann. Im Gegensatz dazu sind die Linken wie
Waisenkinder. Sie haben keine öffentliche oder
parlamentarische Unterstützung. Demonstranten gegen
„Disengagement“ (Siedlerabzug aus dem Gazazstreifen)
und Pogromisten in palästinensischen Dörfern
wissen, dass ihre Untaten übersehen werden, während
linke Demonstranten ihrem Schicksal überlassen
werden..
Von jetzt an wissen die
Linken, dass so lang wie ihr Winter- (oder
Sommer)schlaf andauert ihre Demonstranten ins
Gefängnis geworfen werden und keiner sie auslösen
wird.
Ab jetzt wird Israel
wissen, dass sein Rechtssystem ((nicht nur zwischen
Juden und Arabern ER)) diskriminiert, sondern
auch zwischen Rechten und Linken – einer starken,
aggressiven und gewalttätigen Rechten und einer
Linken, die sich tief im Winterschlaf befindet. So
geht es, wenn die übrig Gebliebenen der Linken sich
mit Tarifverträgen von Autoren oder mit den Rechten
von Tieren und sinnlosem Organisieren gegen Ehud
Barak befassen oder mit Gemeindesteuerausnahmen für
Synagogen und Mutterschaftsurlaub für Männer.
Meretz-Abgeordnete haben nicht mal Zeit für Sheik
Jarrah. So ist es eben, wenn der linke Flügel des
zionistischen Establishments nicht mehr lebt.
In der israelischen
Gesellschaft hat es seit langer Zeit nur eine
wachsame und bedeutende Gruppe gegeben. Abgesehen
von wenigen radikalen linken Gruppen, die tapfer und
entschlossen, aber klein und aufgesplittert sind,
kämpfen nur die Siedler und ihre Anhänger hier für
Dinge, die nicht persönlich sind und bei denen Geld
keine Rolle spielt. Dafür müssen sie bewundert
werden. Die Knesset-Entscheidung, den Siedlern zu
vergeben, sollte ein Weckruf für die Linken sein.
Wenn sie mit ihrer Selbstgefälligkeit weitermachen,
werden sie nicht nur ihre letzten Aktivisten im
Gefängnis finden, dann wird es auch nicht mehr das
Land anerkennen, in dem sie leben. Es hat bei uns
schon schlechtere Entscheidungen gegeben, als die,
den protestierenden Rechten zu verzeihen, aber
keine, die so sehr unser neues Gesicht aufdeckt, was
Gesetz, Justiz und Gleichheit betreffen.
Wir können weiter über
all dem still sein. Wir könnten in Haaretz ( und nur
dort) Fotos von Siedlerrandalierern am
internationalen Holocaustgedenktag sehen und darauf
die Gesichter erkennen – und nicht fragen, wo bleibt
die Polizei. Wir können Beschreibungen von Angriffen
auf unschuldige Palästinenser lesen und nichts tun
- sie weder schützen oder gegen ihre Angreifer
protestieren. Wir können weiter die
Fremdenfeindlichkeit des Establishments, die
Deportation internationaler linker Aktivisten und
Palästinenser ignorieren – die einen nur wegen ihrer
Meinung und die anderen wegen ihrer nationalen
Zugehörigkeit und könnten Leute gewinnen,
lächerliche Petitionen zu unterzeichnen. Wir könnten
einen Sturm rund um das Geschwätz über Sara
Netanyahu verursachen und entsetzlich geschockt sein
über den Schuh, den ein verbitterter Mann gegen den
Präsidenten des Obersten Gerichtes geworfen hat; wir
könnten uns übertrieben und blumig über den ernsten
Schaden der Rechtsstaatlichkeit auslassen. Kaum ein
Wort ist über den rüden Schuh gehört worden, den
die Knesset gegen die Rechtsstaatlichkeit geworfen
hat.
Wir können weiter ruhig
bleiben und wissen, dass Schweigen Mittäterschaft
bedeutet. Aber wenn die Linke aufwacht, wird es zu
spät sein. Tatsächlich ist es schon zu spät. Meretz
ist tot, Labor ist am Sterben, Kadima ist
nicht-existent, Peace Now überlegt noch immer, ob
es gegen das Pardon eine Petition einreichen soll –
und die Rechte feiert und macht, was sie will. Augen
rechts: wacht auf und lernt von ihren Methoden und
wie sie kämpft. In der israelischen Gesellschaft
gibt es anscheinend keinen anderen Weg.
(dt. Ellen Rohlfs)
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