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Wie
eine Feuersäule
Gideon Levy
6.9.10
An diesem Wochenende
wird ein bedeutender Israeli seinen 87. Geburtstag
feiern.
Auch wenn er im selben
Alter des israelischen Präsidenten ist und sein
Einfluss auf Israels Geschichte nicht geringer als
des letzteren ist, wird das Cameri-Theater keinen
Galaabend zu seinen Ehren geben, noch werden die
Hohen und Mächtigen ihn mit nichtssagenden Gesten
der Liebe einhüllen. Wahrscheinlich wird sein
Geburtstag nicht einmal bemerkt werden.
Während sein
Altergenosse Shimon Peres immer mit der Volksmenge
ging, ist dieser Mann weit vor der Menge gegangen –
wie eine Feuersäule. Sehr wach, originell,
unabhängig, tapfer,
mit klarem Kopf und
rasierklingenscharfem Verstand hat er die Nation
gestaltet – mehr als es der Nation bewusst geworden
ist. Während Peres immer versuchte, jedermann
zufrieden zu stellen, versuchte dieser Mann nur
seiner eigenen Wahrheit zu folgen, die ziemlich spät
die Wahrheit der meisten unter uns wurde.
Und doch ist er übers
Ohr gehauen worden. Vielleicht werden diese Zeilen,
wenn auch in bescheidener Weise, die
Ungerechtigkeit, die diesem unerkannten Propheten –
Mister Hebräischer Journalismus - angetan wurde,
wieder in Ordnung bringen.
Während Avnery seinen
87. Geburtstag feiert und fast so lange auch mit
öffentlichen Aktivitäten, diskutiert
Ministerpräsident Benyamin Netanyahu vom Likud die
Ideen, die Avnery schon 40 Jahre vor ihm erhob. Zu
einem Zeitpunkt, als mehr als die Hälfte des Landes
und fast die ganze Welt von „zwei Staaten“ spricht,
ist Avnery in Vergessenheit geraten. Wenn seine
Vision wahr wird – als unverbesserlicher Optimist
verliert er nie die Hoffnung, dass es so werden wird
– wird wenigstens der Minister der Geschichte, wenn
nicht Minister dieser Regierung daran erinnern, wer
den Eckstein gesetzt hat.
Die israelische
Gesellschaft sollte diesen besudelten und
geächteten Mann schon um Vergebung gebeten und die
verschwendeten Jahrzehnte mit unnötigem
Blutvergießen bedauert haben, nur weil sein Rat
nicht angenommen wurde. Es ist nicht schwer, sich
vorzustellen, welche Art Israel wir haben würden,
wenn Avnery die einflussreichen Posten inne gehabt
hätte, auf denen Peres saß; hätten doch Netanyahu,
Peres und ihresgleichen Avnerys Ideen zur rechten
Zeit aufgenommen – und nicht so maßlos spät.
Im wahrsten Sinn des
Wortes ist Avnery ein Zionist und damit ein wahrer
israelischer Patriot. Er kämpfte 1948; und seitdem
hat er mit derselben Entschlossenheit gegen die
Beibehaltung der Politik von 1948 gekämpft, die
traurigerweise nie endete. Als früheres Mitglied der
Kampfeinheit „Samsons Füchse“ war er der erste und
der tapferste, der gegen die Militärregierung
aufstand, gegen die Landenteignung in Galiläa, gegen
die Diskriminierung und die Übernahme der Demokratie
durch den „Mechanismus der Dunkelheit“ – einen
Ausdruck, den er für die Shin
Beth-Sicherheitsdienste prägte. Er war unter den
ersten, die zur Beendigung der Besatzung aufriefen,
zu Errichtung von zwei Staaten und zu einem Treffen
mit der PLO, als dies noch als Verrat angesehen
wurde. Als einsames Knessetmitglied war sein
Einfluss größer als alle quasi-linken Parteien
zusammen.
Als Herausgeber der
Wochenzeitung Haolam Hazeh - etwa 42 Jahre lang –
beeinflusste er die israelische Presse mehr als
jeder andere Journalist. In Basel wurde der jüdische
Staat gegründet; in der Gordonstraße in Tel Aviv, in
der das Verlagsbüro von Haolam Hazeh sich befand,
wurde eine unabhängige, anti-establishment Presse
gegründet, die furchtlos gegen alle Arten von
Korruption kämpfte, gegen den Diebstahl von
Antiquitäten eines früheren Verteidigungsministers
bis zum Diebstahl von Land durch die Siedler, selbst
wenn dies auf der Rückseite eines Massenblattes
erschien.
Eine ganze Generation
bedeutender Journalisten wuchs mit dieser
Wochenzeitung auf, Generationen junger Leute lasen
sie, zuweilen heimlich, für den Fall, dass sie bei
dem ungeheuerlichen Akt erwischt wurden. Jeder
verleumdete die Publikation, selbst wenn sie
Schlange standen – wie die, die sich jeden
Dienstagabend vor dem Zeitungsverkäufer am Eingang
des Café Kassit in Tel Aviv bildete und am nächsten
Morgen in der Knessetbuchhandlung – um sie zu lesen.
Vom Hebräischen, das
wir sprechen, über die Zeitungen, die wir lesen und
bis zum Ministerpräsidenten, der jetzt mit seiner
Stimme spricht – Avnerys Einfluss kann kaum
überbewertet werden.
Jetzt überstrahlt die
Fülle seiner Jahre seine Jugend. Dieser noble,
ältere Herr schreibt, protestiert und kämpft. In der
ultra-orthodoxen Welt würde er längst als
oberster Führer angesehen werden; in der säkularen
Welt ist er wie immer ein einsamer Soldat
geblieben, der an den Rand gedrängt wurde. Vor
langer Zeit erhielt er den Alternativen Nobelpreis.
Keiner schlägt ihn als Kandidaten für den
Israelpreis vor, obwohl dadurch der Preis eher
aufgewertet werden würde als Avnery selbst. Eine
ehrenhaftere und mutigere Gesellschaft würde
wenigstens jetzt auf ihn hören und sich mit großem
Respekt vor diesem wunderbaren Mann an seinem 87.
Geburtstag neigen.
Unsere herzlichen
Glückwünsche, Uri Avnery und uns.
(dt. Ellen Rohlfs)
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