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Wahrheit ist
keine wirkliche Option
Yossi Sarid, Haaretz, 17.11.05
Es gibt eine bekannte Anekdote eines
Yeshiva-Studenten der für einen bestimmten Zweck
... darum gebeten wurde, sein wirkliches Alter
mitzuteilen. Nun war er sich unsicher, was er tun
solle. Also ging er zum Rabbiner und fragte ihn um
Rat: solle er seinem Alter ein Jahr hinzuzählen oder
besser ein Jahr abziehen – was solle er tun.
„Warum willst du
nicht dein wirkliches Alter angeben, statt ein Jahr
mehr oder weniger?“ fragte der Rabbi. „Oh, daran
dachte ich nicht,“ antwortete der Student.
Diese Anekdote
von irgendwann ist zur Realität unseres Lebens
geworden. Der genaue Sachverhalt wird in vielen
Fällen nicht einmal in Betracht gezogen; die
Wahrheit, die ausgesprochene Wahrheit ist nicht
einmal eine Option. Wie ein bedingter Reflex wird
immer erst einmal eine verlogene Version gebracht,
zum Verkauf angeboten und sie hat eine Menge Käufer
....eine Kultur des Lügens hat den Markt
übernommen.
In den
vergangenen Wochen gab es mehrere solcher Fälle: ein
Zim-Cargoschiff stieß mit einem japanischen
Fischerboot zusammen, das versank und so kamen
sieben Fischer ums Leben; die Kompanie verkündete
ohne zu zögern, dass das Schiff während des
Zusammenpralls gar nicht in dieser Gegend war, warum
sich also aufregen. Die Zim-Version hielt nicht
länger als zwei Tage.
In einen
ähnlichen Vorfall war ISRAIR verwickelt: wegen
eines Irrtums eines Piloten flog eine
Passagiermaschine beinahe in eine amerikanische
Cargomaschine, da beide zur Landung am
Kennedy-Flughafen in New York ansetzten.
Wunderbarerweise und wegen der Geschicklichkeit des
lokalen Piloten konnte ein Unglück abgewendet
werden. Ranghohe Beamte von ISRAIR versuchten, dies
zunächst zu vertuschen.
Und in der
politischen Arena – zwei Knessetmitglieder wurden
auf frischer Tat ertappt, als sie auf Kosten von
Agrexco in die USA fliegen wollten. Sie leugneten
ihren Flug nicht, beschrieben ihn aber als eine
heilige Mission zugunsten von Israels
landwirtschaftlicher Industrie: 30 Stunden in der
Luft auf Bergen weicher Tomaten zu sitzen und auf
gepresstem harten Saft zu schlafen. Agrexco war
beleidigt, verlangte eine Entschuldigung und machte
klar, dass der Flug unter 1.Klasse-Bedingungen
stattfand.
Erst letzte
Woche behauptete eine Bildungsministerin in Israel,
dass „kein Minister Vorschriften unterzeichnet
habe“, und dass sie nicht einmal wusste, dass eine
Non-Profit-Organisation, die von ihrer Mutter
unterhalten wird, ein besonders großzügiges Budget
vom Erziehungsministerium erhalten habe. Man kann
nur hoffen, sollte Limor Livnat Schwierigkeiten
haben, ihre eigene Handschrift zu identifizieren,
der Staatsanwalt ihr dabei helfen würde.
Und in dieser
Woche brach ein Angestellter in den Vorratsraum der
Knesset ein und verkündete, er habe nichts
mitgenommen und gleichzeitig versichert, er habe die
Sache, die er nicht genommen habe, wieder
zurückgebracht.
In all diesen
Fällen ist die Lüge nicht weit gekommen, weil die
Beweise und die Zeugenaussagen sich wie Berge auf
den Tischen derjenigen stapelte, die sich die Sache
näher ansehen mussten. Wer weiß jedoch, wie viele
Lügen uns von allen Richtungen belagern, weil es
keine Zeugen gibt, die bereit sind, auszusagen und
keine Beweise, die unmittelbar überführen. Die
Kultur der Lüge ist wie eine Epidemie, der Virus
verbreitet sich und infiziert die Luft, das Meer
und das Land.
Zehn Jahre nach
dem Mord an Yitzhak Rabin schreiten wie noch einmal
um „Rabins Vermächtnis“, das er hinterließ oder
auch nicht hinterließ. Das Argument konzentriert
sich auf den politischen Plan , für oder gegen Oslo;
und es ist eine irgendwie lächerliche Debatte
geworden und wird bald nur noch seltsam sein. Rabin
war kein Philosoph, noch hatte er eine ordentliche
politische Doktrin. Jeder kann sich die Federn
herausziehen, die ihm passen und auf jeden Fall ist
seine Biographie eine von denen geworden, die einer
Wunschveranstaltung ähneln.
Es ist möglich,
dass sein wahres Vermächtnis aus einem anderen
Bereich kommt, den die offiziellen Lobredner lieber
im Dunkeln lassen. Er war – völlig anders als sein
„Erbe“ Ariel Sharon – ein Mann der Wahrheit, der
Lügen verabscheute. Selbst die, die mit ihm nicht
übereinstimmten, nicht von ihm und seinem Weg
überzeugt waren, glaubten ihm. Selbst wenn es
Streit gab, gaben seine Rivalen zu, dass das Problem
mit Rabin nicht Lügen waren, sondern die Wahrheit.
Er war kein vollkommener Mensch – denn wer ist schon
perfekt? – aber er war ein in sich vollständiger
Mensch, mit sich und seiner inneren Wahrheit im
Einklang, die er nicht verbergen konnte und
vielleicht auch gar nicht wollte.
Im Gegensatz zu
seinen Erben übernahm er selbst die volle
Verantwortung, auch dann wenn er nicht
verantwortlich war. Niemals wich er aus oder teilte
sie, niemals hat er die Schuld auf jemand anderen
gelegt und obwohl er von Natur ein ruhiger Mensch
war, weigerte er sich nie zu antworten, wenn es um
Selbstbezichtigung ging. Es lag alles auf ihm – alle
Verantwortung – im Guten und besonders im Bösen.
Rabin war hier der letzte, der aufgab – und aus
welcher Position! – als er nicht bereit war, seiner
Frau, seinen Beratern oder Assistenten die Schuld zu
geben. Heute läuft das ganz anders: heute werden
die Ermittler zu den Söhnen gesandt, weil der Vater
nichts hörte, nichts sah und keine Ahnung hat.
An Gedenktagen
ist es üblich zu fragen : „Was wäre geschehen,
wenn..“ wie z.B. wenn er nicht ermordet worden wäre.
Keiner kann es wissen, und keiner hat das Recht zu
antworten
Trotzdem ist
eine Antwort sicher: die Rückkehr der Wahrheit wäre
wieder eine Option und sie würde empfehlen, das zu
sagen, wie es ist und nicht ein Jahr hinzuzufügen
oder wegzunehmen. Politisch war Yitzhak Rabin der
Tote, der dieses Jahr hätte Lebenszeichen geben
sollen. Doch was sein persönliches Beispiel , (sein
Vermächtnis die Wahrheit )betrifft, so ist er
derjenige von allen, der mausetot ist.
(dt. Ellen Rohlfs)
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